Schmidtkes Aussagen bzw. Wörter

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Doch es kommt noch schlimmer – und wieder nicht zum eigentlichen Thema:

(WI 40,3. p. 389) Ganz anders stellen sich die kulturellen Vorstellungen des Abendlandes ... dar.

Es folgt eine Darstellung DER Vorstellung des Abendlandes von den GERManen bis heute. Und wieder zeigt sich, dass S.S. nicht mal die von ihr angegebenen Quellen gelesen hat. Für ihre falschen Behauptungen über die Rezeption von Alf Laila wa-Laila hatte sie sich auf Bleys, S.79–81 berufen. Auf Seite 80 lesen wir: “a traditional assumption by Europeans and Muslims alike ... ... In a remarkable way, it reflected changes [in Europe] that became visible at this time that I will discuss below”, in einem Kapitel das “The gender revolution and sodomite subcultures” überschrieben ist. Hätte Schmidtke nur ein bisschen aufgepasst, hätte sie den erbarmungswürdigen Unsinn, den zu kommentieren nicht lohnt, nicht geschrieben. Oder wollte sie nur Edward Said karikieren: über die „eigene“ Kultur schreibt man prinzipiell, ohne sie studiert zu haben, was um 1200 in Deutschland geschah, oder im 16. sonstwo im Abendland ererbt S.S. via Blut und Muttermilch.
Wer exemplarisch nachlesen will, wie es wirklich war, besorge sich Michael Rocke: Forbidden Friendships – Homosexuality and Male Culture in Renaissance Florence. Wer mehr in die Breite lesen will, mag mit Kent Gerard + Gert Hekma (eds): The Pursuit of Sodomy in Early Modern Europe. New York: Haworth, 1987 anfangen.

Die modernen sozialen* Konzepte

Was will sie uns mit diesem Epitheton sagen?

„Homosexualität“, „Heterosexualität“ und „Bisexualität“ ... sind fest im Modell der Zweigeschlechtlichkeit verankert.

Schmidtkes Gegenüberstellung von abendländischer Zweigeschlechtlichkeit und morgenländischer Eingeschlechtlichkeit ist ein Schmarren. Einerseits unterscheiden Muslime sehrwohl zwischen Knaben und Frauen (verfassen sogar Bücher über die jeweiligen Vorzüge). Andererseits werden auch im Westen Alter, Geschlecht und soziale Stellung vermengt. In Südafrika hießen die Hausangestellten bis vor kurzem (heute?) boys. Bis 1925 war es bei Adel und Bürgertum üblich, Jungs in Mädchenkleider zu stecken und noch in der zweiten Hälfte des Jahrhundert bekam erst der Vierjährige einen Jungenschnitt. Bis 1968 war die Jungenmode konservativer und weiblicher, als die Männermode. Frauen in abhängiger Stellung werden noch heute gern „Mädels“ genannt. Die Sache ist spannend (hat nicht viel mit dem Thema zu tun), kann aber auf keinen Fall auf den Gegensatz ewiges Abendland – unwandelbarer Orient reduziert werden. Wieder erweist sich Schmidtke als gelehrige Edwardianerin.

(Die Begriffe „Homosexualität“ und „Heterosexualität“ gehen zurück auf Karl Maria Kertbeny, der diese erstmals in einem Brief vom 6. Mai 1868 gebrauchte. Diese Begriffe wurden später von Gustav Jaeger ... popularisiert.)

Wenn man genau ist, stimmt nichts von all dem. Ob Kertbeny am 6.5. einen Brief schrieb (oder gar abschickte), wissen wir nicht. Manfred Herzer fand 1896 in der Ungarischen Nationalbibliothek einen Briefentwurf. In diesem stehen keineswegs die Worte „Homosexualität“ und „Heterosexualität“ – wie S.S. behauptet – auch nicht „homosexuell“ und „heterosexuell“ wie kolportiert wird, sondern nur einmal „homosexual“ und „heterosexual“, Schmidtke tut so, als sei das Wort erst von Jaeger publiziert worden. Tatsächlich erschienen 1869 zwei anonyme Schriften, die es bekanntmachten: § 143 der Preussischen Strafgesetzbuches und Das Gemeinschädliche des § 143. An sich nicht schlimm, es zeigt aber, daß Sabinchen schlicht keine Ahnung hat und es auch nicht für nötig erachtete, den in Berlin versammelten Sachverstand zu konsultieren.

Während heterosexuelle Beobachter ... [auf gleichgeschlechtl. Sexualpraktiken] gemäß ihren kolonialistischen Interessen und Zielsetzungen reagierten, diente die Region den abendländischen Homosexuellen als Projektionsfläche ihrer eignen Wünsche und Phantasien.

Nett, die einen denken ans kolonisierende Vaterland, die anderen an eigene Wünsche. Da passt weder ein Flaubert rein, noch Lyautey und Kitchener.

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In Übereinstimmung mit der in Europa des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Meinung, Homosexualität sei ein Verbrechen gegen den Staat, der seinerseits auf die Ausgrenzung und Bestrafung Homosexueller hinwirken müsse

Ganz in Übereinstimmung mit der Schmidtke‘schen Homogenisierung des Abendlandes und mit der Ignoranz der Autorin! Von den Wirkungen Cesare Beccarias und P.J.A. Feuerbach hat sie keine Ahnung. Dass in Süd- und Westeuropa, in Süd- und Westdeutschland widernatürl. Unzucht [es gab weder das Wort noch die Vorstellung „Homosexualität“; und wenn doch, könnte es hier nur die Bedeutung Praktiken haben] kein Verbrechen war, unterschlägt die Autorin – oder kann sie sooo ignorant sein?

... widmeten sich vornehmlich Kriminologen und Gerichtsmediziner dem Phänomen der Homosexualität in Nordafrika.

Ohne Berücksichtigung von zeitgenössischen Studien der Landschaften nördlich der Säulen des Herkules, bleibt's Stückwerk.

... Als Ursache wird ... die Theorie der heterosexuellen Übersättigung angeführt. (Vgl. etwa Kocher, Criminalité, S. 169: « Comme tous les peuples de l'Orient, l'Arabe est sodomiste. Remarque que ce vice s'observe surtout chez les peuple où la polygamie est permise : dans certains cas, l'homme blasé, énervé par l'abus des plaisirs, cherche par la sodomie à reveiller ses désirs, dans d'autres ce sont des hermaphrodites moraux.) »

Oh Schande! Erst behauptet sie, ihre Autoren handelten von der „Homosexualität“, dann übergeht sie das Interessanteste: Kocher unterscheidet hier zwischen Männern, die sich homosexueller Praktiken bedienen, um ihrem Sexleben Würze zu geben (in der Terminologie der Jahrhundertwende: Polysexuellen) und seelischen Zwittern, Invertierten, Weiblingen (Unisexuellen).

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Da die orientalische Frau sich ihrem Mann allzu gefügig und passiv hingebe und selbst keinerlei sexuelle Bedürfnisse empfinde ...

Hier versteht S.S. Duchnese nicht oder sie erzählt Märchen: Duchnese sagt, die arab. Frau sei « loin d'exciter et d'aiguillonner leurs [ihrer Ehemänner] désirs » nicht sie habe keine Bedürfnisse.
Und der Gedanke ist doch gar nicht abwegig, in einer Gesellschaft in der die Frau ihren ehel. Pflichten durch die-Beine-breit-Machen nachkommt und der Mann durch Unterhalt, in der der Mann die Frau oft von den Eltern vorgesetzt bekam, konnte es reizvoll sein, einem freien, spröden Knaben den Hof zu machen, ein auch wegen des Verbots aufregendes Spiel.

Die Vorstellung, die arab. Frau besäße keinerlei sexuelle Gelüste, findet sich auch bei Kocher.

Sehe ich nicht. Laut Kocher neigen sie nicht zu Gefühlsaufwallungen, hegen sie keine heftigen Leidenschaften für einen bestimmten Schwanzträger, sondern lassen sich – wie Weibchen im Tierreich – von allen gleich gern befriedigen.

Ferner / WI 40,3. p. 392/3 / wird auch die vermeintliche Faulheit und Untätigkeit der männlichen Einheimischen angeführt, die, gepaart mit widernatürlicher Lüsternheit, bei ihnen den Wunsch nach besonders bizarren Sexualpraktiken hervorrufe (Duchnese). Umgekehrt* werden auch* den sich prostituierenden Homosexuellen* Eigenschaften wie Faulheit und Geldgier zugeschrieben ... (Kocher)

Kocher schreibt natürlich nichts über Homosexuelle.

Kocher konstatiert, daß die Araber meistens penetrieren, da sie Sexualpraktiken unterhalb der Penetration wie etwa das Petting als ungenügend zur Befriedigung ihrer Lust empfinden.

Kocher schreibt etwas ganz anderes: Mit Kindern treiben sie's selten, da man sie nicht ficken kann. Da der Autorin aber an der Homogenisierung des Phänomens Homosexualität gelegen ist, versteckt sie Päderastie – während sie sonst in diesem Absatz die französischen Originalzitate bringt, gibt's hier nur 'ne Seitenangabe.

Ausgangspunkt ihrer Fragestellungen und Untersuchungen waren Vorstellunen wie sie der frz. Arzt Tardieu (1818–1870) formuliert hatte (Vgl. hierzu Blazek, Rosa Zeiten, S. 104ff.)

Guter Ausgangspunkt: ja nur im Vergleich mit „Untersuchungen“ über Franzosen, Italienern, Ungarn und Sachsen kann man spezifisch Kolonialistisches, Islamophobes, Rassisches herausarbeiten.
Doch findet sich weder bei S.S. noch auf den angegeben Seiten beim Homo-Konzelmann irgendwas; Tradieu gibt es weder in seiner Bibliographie noch im (nicht vorhandenen) Register.
Warum fehlt der frühe Reisebericht, der eine andere gängige Theorie bringt, die Imitation der großen Herren: Capitaine Claude-Antoine Rozets Voyage das La Régende d'Alger, Paris 1833?

(S. 394) Entsprechend der im Europa des 19. Jhd. vorherrschenden Gleichsetzung von Homosexualität mit Analverkehr ...

Doppelter Schmarren: Da es den Begriff Homosexualität nicht gab, konnte ihm auch nichts gleich gesetzt werden. Zweitens stellen die Rechtsbücher Arabiens und Europas auf Analverkehr ab, nicht nur im 19. Jhd. und schließlich spielt er tatsächlich die zentrale Rolle – Petting ist doch nicht das Wahre. In arabischen Texten spielen Fellatio, Anolingus, mutelle Masturbation keine Rolle und Schenkelverkehr ist offensichtlich Ersatz-Analverkehr. Wenn die Unverbesserliche von aktiven und passiven Homosexuellen faselt, liegt dem implizit die Beschränkung auf Arschficken, die von hier jhier angeprangerte Gleichsetzung zugrunde. Vielleicht sollte sie mal ihren Artikel durchlesen: da ist NUR von Analverkehr die Rede!

Die weite Verbreitung von Knabenprostitution in Nordafrika ...

Nach den Regeln der deutschen Sprache gibt Schmidtke dies als Fakt aus, nicht als bloße Darstellung.

Der Anthropologe* Carleton Coon /p. 394/ p. 395/ berichtet ...

Ethnologe – während an anthroplogist ein Völkerkundler ist, ist ein Anthropologe ein Humanbiologe, ein Schädelmesser; Mengele war einer

Bezeichnend für Schmidtke ist daß, sie erst die „heterosexuellen“ Kocher, Remlinger und Duchnese in düsteren Farben malt, und dann die „homosexuellen“ Gide, Bowles und Maugham in helleren Tönen malt.
Zur westl. Darstellung gehört aber auch Au Soleil von Guy de Maupassant, erstveröffentlicht in Le Gaulois (17.7.-19.9.1881), als Buch 1884 und 1982; im Kapitel La Province d'Alger geht es seitenlang um « ces amours antinaturelles entre êtres du même sexe »

Zu den bekanntsten homosexuellen Reisenden des 19. Jhd. in Nordafrika gehörte Andé Gide, der während zahlreicher Aufenthalte in Algerien und Tunesien seine eigene Homosexualität entdeckte.

Wir nähern uns dem eigentlichen Gegenstand der Betrachtungen. Nähern, denn Algerien und Tunesien sind nicht Marokko. Es lässt sich überhaupt fragen, was das spezifisch Marokkanische an dem Phänomen ist. In der westl. Darstellung kommt Marokko keineswegs eine Sonderstellung zu. Für Deutschland spielen Tunesien und die Türken eine größere Rolle (eine kleinen Teil der Beiträge in Homo-Zeitschriften über andere arabische Länder), für nordamerikanische Schwule Mexiko, Kuba, Puerto Rico, Südamerika und die Karibik, Bali, Ägypten, gefolgt von Marokko, Persien und der Türkei. Für Schweden, England und Italien liegen die Verhältnisse wieder anders.

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Literarische Verarbeitung fanden seine Erlebnisse in* Nordafrika in* seinem Roman L'Immoraliste (1902), der die Geschichte eines französischen Gelehrten erzählt, der hier seine gleichgeschlechtlichen Neigungen entdeckt. (Stuttgart 1997)

Mal abgesehen davon, dass wir nichts über die deutsche Erstausgabe erfahren:
Man muss schon sehr feinfühlig sein, wenn man in diesem Roman gleichgeschlechtliche Neigungen entdecken will. Kann ja sein, dass man 1902 mit einer Nutte schläft, weil man ihren kleinen Bruder süß findet, aber selbst dies wäre päderastisch und nicht homosexuell. Man darf auch hier davon ausgehen, dass die Autorin den Roman nicht gelesen hat.

Jetzt kommt eine Auflistung von Marokko-Reisenden, die zum Teil was darüber geschrieben haben. Wir erfahren aber nichts über ihre Darstellung. Die Literaturangaben sind lückenhaft. Wieso gibt sie für Robin Maughams The Wrong People nur die Ausgabe Berlin 1994 an und nicht das textgleiche Heyne Buch 723, München 1969, das als erste Ausgabe überhaupt den Autor richtig angab – die amerik. Erstausgabe zwei Jahre davor hatte noch „David Griffin“ verfasst.

Ganz an den Anfang
zum 2. Teil : gute Orientalisten
zum 3. Teil: begeisterte Homosexuelle
zu den bösen Orientalisten und der morgenländische Wirklichkeit

Zum letzten Teil