Bemerkungen zum propositionalen Gehalt und zur Sprache eines in Bonn (Ende 1998) und Berlin (Ende 1999) gehaltenen Vortrages und um Fußnoten ergänzten Artikels in der Welt des Islams (40,3) -- Zuerst die Überschrift.
Schmidtkes Aussagen bzw. Wörter –
inzwischen im Netz
runterladbar
Ich durfte ja aus urheberrechtlichen Gründen nicht
den
ganzen Text "abdrucken", sondern nur die Teile
zitieren bzw. paraphrasieren, die ich kommentiere.
Da
aber ihre Freunde in Tel Aviv den Text ins Netz
gestellt haben, kann
ich ihn jedermann wärmstens
empfehlen, der sich selbst ein Bild machen will.
zur Sprache
zum Inhalt
Die westliche Konstruktion Marokkos
Dr. Sabine – je geht ja um die Autor des Vortrags bzw. Artikels und nicht um die Person, die inwischen weitere Titel erworben hat – Schmidtke
behandelt nur einen kleinen Ausschnitt der
westlichen Darstellung, bringt aber
östl. Darstellung und Darstellung von Außermarokkanischem. Ihr „Westen“ besteht aus nur wenigen Leuten, aus wenigen Ländern. – Klicken Sie für fehlende Werke von Westlern. Ihre Darstellung ignoriert Gemälde, Photo, Spielfilm, Dokufilme, Porno-Video, Postkarte, Plakat, Zeitung und Homo-Zeitschrift (von Anzeigen und WorldWideWeb zu schweigen).
Schließlich bietet sie keine vergleichende Perspektive. Zum Ausgleich streut die Autorin Namen von Leuten dazwischen, die halt mal in Marokko waren, es aber nicht
dargestellt haben – zumindest führt sie
weder im Text noch in den Noten Veröffentlichungen an, nicht mal Postkarten an Freunde. Sie zeigt auch nicht, dass diese Besucher Marokko konstruierten, d.h. etwas was es „für sich“ gar nicht gab, erst durch ihre Beschreibungen und Analysen als etwas Bestimmtes hervorgebracht haben. „Konstruktion“ ist auf dem Gebiet der Homo-Kulturwissenschaft ein Modewort; darunter versteht man, dass ein Phänomen „an und für sich“ gar nicht gegeben ist, dass es naturwüchsig als solches nicht existiert, dass erst der Diskurs es schafft (so wie es die nordische Rasse nicht gibt, allenfalls blonde Hellhäutige). Nirgends in dem Text der Unverbesserlichen wird aber nahegelegt, dass erst die von ihr genannten Texte – oder sonst ein Diskurs – die freie Homoerotik (d.h. die Knabenprostitution) hervorbrächten.
als Landschaft
Im Artikel fand ich keine einzige Landschaftsbeschreibung.
freier
Es handelt sich um gekauften Sex, um un-freien Sex. Den anderen Sinn, den freie Homosexualität haben könnte – dass sie nicht in der Minderheit der Homosexuellen eingesperrt ist, sondern zwischen allen sexuellen Wesen frei schwebt: free floating vs. reified hs.ty – sucht frau vergebens in dem Artikel.
Homoerotik
Es geht um Sex – nicht um Erotik. Es geht auch nur um Sex zwischen Männlichen, obwohl nach dem Titel auch die Darstellung zwischenweiblicher Erotik abgehandelt werden
müsste. Hier wird sich Dr. Schmidtke, die Unverbesserliche, beschweren: "Aber meine Vorlage trägt doch auch den Titel The Homoerotics of Orientalism, und da regte sich niemand auf! Gewiss, aber sich etwas bei seiner Wortwahl denken und blind abschreiben sind zweierlei: Joseph Allen Boone teilt - ganz im Gegensatz zu S.S. - die Welt nicht sauber in die Homosexuellen und die Heterosexuellen ein; ausdrücklich
behandelt er Bisexuelle und Undurchsichtige (Mick Jagger), ausführlich behandelt er Flaubert und wenn der für die Reize eines
Tanzknaben empfänglich ist, ihn aber nicht sexuell begehrt, haben wir es mit Erotik, nicht Sexualität zu tun. Wenn Westler wallende Dschallabien anziehen, schwingt -- wie bei römischen Sultanen -- androgyne Erotik mit. Doch während Boone immer wieder Zwischentöne aufspürt, stampft S.S. im Stechschritt durch den Orient: teilt sauber auf zwei Töpfchen auf. Schon bei "homoerotic discourse" und "homoerotic fantasy" ist Boones Wortwahl bewusst, glasklar ist sie in "the homoerotics of orientalism constantly threatens to become another name for occidental homophobia." (p. 96)
für Eilige: zum 2. Teil : gute Orientalisten
Oder gleich zum 3. Teil: begeisterte Homosexuelle
Und hier geht es zu bösen Orientalisten und der morgenl. Wirklichkeit
Und dann zurück zu abendländischen GeschlechtsVorstellungen
Und zum Schluss nach Tanger
Oder hübsch der Reihe nach:
Said prägte den Begriff "Orientalismus" ...
Seit 1768 ist der Begriff in Deutsch und Englisch belegt. Warum diese Verbeugung vor dem US-amerik. PLO-Propagandisten Schlimmes fürchten
lässt.
Zum Vergl. aus dem Anfang der Vorlage:
This appropriation of the so-called East in order to project onto it an otherness that mirrors Western psychosexual needs only confirms the phenomenon that Said calls 'Orientalsim' in his book of that name. Boone, Vacation Cruises; or, The Homoerotics of Orientalism in Publications of the Modern Language Association of America 110 (1995). pp. 89-107
Ja, Edward hat dies und jenes so genannt, er hat den Begriff aber nicht gepägt. - Auch Abkupfern will gelernt sein.
... für die abendländische* Darstellung des islam. Kulturraums.
S.S. hat abendländisch-westlich
Ein konstantes Motiv derselben ist die Vorstellung vom Islam als einer Religion ausgeprägter Sinnlichkeit*.
S.S. hat ausgeprägter Sinnlichkeit und Wollust
Darum ...
Schmidtke tut deduktiv. Es kommt aber keine Folgerung aus dem Vorgenannten, sondern nur ein Beispiel dafür.
stand im Mittelpunkt der Präsentation des Orients über Jahrhunderte* die exotische* Institution des Harems
S.S. hat über Jahrhunderte immer wieder – S.S. hat exotisch anmutende
Der Harem ist verschlossen. Darum regte er die erotische Phantasien vieler* Reisender* an
S.S. hat zahlloser – S.S. hat nicht Reisende (Burton, Delacroix) und Dagebliebene (Goethe, May, Brockelmann), nicht Künstler und Wissenschaftler, sondern völlig unlogisch: Reisende, Schriftsteller und Künstler
und mußte als literarisches Topos herhalten
der bedauernswerte Harem
Die Fußnote hierzu ist typisch für die Arbeit insgesamt: Die pauschal (d.h. ohne Angabe der einschlägigen Seiten) angeführten "Belege" belegen gerade nicht ihre Behauptung, und die Artikel, die eher in ihre Richtung gehen, fehlen. In den angegebenen Artikeln von Behadad und Harnsch finde ich sogar das Gegenteil: der Harem als Allegorie für Kritisierenswertes in der eigenen Gesellschaft. Eher in S.S.'s Richtung geht: Neil Macmaster, Orientalism: From unveiIing to hyperveiling;Journal of European Studies. 28, no. 1-2, (1998): pp. 121ff.; darin wird nicht der Harem sondern der Komplex Schleier/harem/hammam ins Zentrum gerückt. Befremdlicherweise hängt S.S. fünf Stellen an, die gar nichts mit dem Harem als Allegorie zu tun haben, sondern mit Tribadie im Harem. Bezeichnenderweise macht S.S, sogar auf ureigenem Terrain Fehler: Bullough behandelt Haremstribadie nicht S. 231-32, sondern nur in zwei nichtssagenden Sätzlein auf S. 231. In den Noten fehlt eine wichtige Arbeit, die sowohl Said wie S.S. zurechtzurückt vielleicht nur, weil sie S.S. noch nicht bekannt war: Lisa Lowe: Rereadings in Orientalism: Oriental Inventions and Inventions of the Orient in Montesquieu's Lettres persanes in Cultural critique. no. 15, (Spring 1990). pp. 115-144
und als Allegorie des Orients* insgesamt*.
S.S. hat "als Topos als Allegorie" – S.S. meint aber nicht den Orient insgesamt, d.h. ganz Asien, sondern den Orient schlechthin
Der Orient wird als Ort sinnlicher Wollust* präsentiert.
beachtlich die sprachliche Abwechslung zu Sinnlichkeit und Wollust.
Dazu gehört auch die Vorstellung von der extrem weiten Verbreitung gleichgeschlechtlicher Sexualpraktiken. WI 40,3 P. 375
Die mittelalterliche christl. Polemik stellte den Islam als von Grund auf unsittlich und die Muslime als lasterhaft dar.*
S.S. hat Polemik zielte darauf ab, Islam darzustellen. Polemiker können versuchen, beim Adressaten, Ekel hervorzurufen. Eine Darstellung alsist eine Darstellung und zielt nicht ab.
Als Quelle gibt S.S. Boswell, Christianity S. 278-283 an. Auf S. 278 gibt es dazu gar nichts. Auf S. 279 gibt es genau das Gegenteil zu S.S.'s Darstellung: Serious early polemics against Islam had sometimes crtizied Muslim practices but did not focus on Islamic tolerance to homosexuality. From the times of the first crusade, however, accounts of Muslim sexual mores ... A few writers attempted to distinguishe between the more familiar Muslims of Western areas like Sicily and Spain and those of the Middle East by suggesting that the climate of the torrid Middle East affected the morals of those who lived there. Jacques de Vitry, for example, claimed that in the East, especially in hot regions ... Nichts von von Grund auf, kein konstantes Motiv.
Diese Polemik prägte* diese Vorstellungen (wohl Harem und extrem weite Verbreitung)
S.S. hat prägte maßgeblich
indem sie den Islam als hemmungslos genusssüchtig darstellte.
In der mittelalterl. Vorstellung waren Sodomie, Effemination und Besessenheit* verknüpft.
S.S. hat Dämonisierung; der machten sich aber die Hetzer, nicht die Effeminierten schuldig.
Aufgrund dieser Ideenverbindung eignete sich* der Vorwurf, der Koran* toleriere homosexuelle Praktiken, zur Diffamierung des Gegners.
S.S. hat besonders – S.S. hat der Koran selbst
Es wurden Horrorgeschichten über gleichgeschlechtliche Sexualpraktiken von Orientalen* in Umlauf gebracht.
S.S. hat orientalische Sexualpraktiken – Sollte sie das meinen?
Diese dienten zur Untermauerung der Polemik*.
Es handelt sich doch wohl eher um: Diffamierung, Anschwärzung, Verleumdung, Diskreditierung und diese werden – im Unterschied zu Argumentationen – nicht untermauert.
In einem von Kreuzzugspropagandisten gefälschten Hilfegesucht des byz. Kaisers
S.S. hat: In einem dem byz. Kaiser Alexios I. Kommenos (1081-1118) zugeschriebenen Gesuch um militärische Hilfe gegen die vordringenden Seldschuken - eine Fälschung, wie heute bekannt ist, die in der Zeit vor dem 1. Kreuzzug im Westen in Umlauf gesetzt wurde. Sie weißt nicht, daß zuschreiben nicht unterschieben, fälsch zuschreiben bedeutet.
wird beschrieben*, wie die Sarazenen nicht nur Frauen in Massen* vergewaltigten, sondern* – schlimmer noch – Männer jeden Alters und Ranges ...
S.S. hat "wird etwa beschrieben".– Muslime begehren christl. Knaben als Sexualobjekte. – Es heißt: "nicht nur, sondern auch" oder "nicht nur, sondern selbst". So aber
ist's kein Deutsch. "in Massen" ist Zugabe von S.S.
Häufig* entführen sie zahllose* christl. Knaben.
häufig und zahllose
Dies machten christl. Abendländer als besondere Bedrohung aus.
S.S. scheint nicht zu wissen,
dass "ausmachen" "ausspähen, rekognoszieren, erkunden, auskundschaften, aufklären" heißt und nicht "unterschieben, fälschlich zuschreiben".
Im Zuge der Aufklärung wich das mittelalterl. Orientbild einer um Objektivität bemühten neutraleren Haltung gegenüber dem Islam.
Dem Anti-Materialisten Said würdige Blindheit für nicht rein geistige Gründe. Vielleicht hat die neutralere Haltung mehr mit dem Ende der Türkengefahr zu tun als mit einer neuen Philosophie. Als Überlegener kann man gut neutral, ja sogar freundlich sein.
Aber Sexualität* besonders Homosexualität blieb relativ unverändert.
S.S. hat "der Bereich der Sexualität"
Das Stigma der Sinnlichkeit und der weiten Verbreitung von gleichgeschlechtlichen Sexualpraktiken haftet dem Orient weiterhin unverändert an.
Dass sich diese Vorstellung bis in die Gegenwart gehalten hat, lässt sich etwa an Vern L. Bullough 1976 erschienen Buch Sexual Variance in Society and History ablesen, in dem der Autor ein Bild vom Islam als sex-positive religion zeichnet, das ganz in der Tradition des christl.-abendl. Islambildes des Mittelalters steht.
weiterhin haftet unverändert an – etwas viel
Nicht sehr wahrscheinlich, daß das sex-positive Islambild direkt auf mittelalterl. Polemiken zurückgeht. Inzwischen hatte nämlich ein Araber ein weitbeachtetes Buch geschreiben, in der er genau die Sex-positiv-These vertrat: Abdelwahab Bouhdiba: Islam et Sexualité Lille 1973. = La sexualité en Islam, Paris: Presse Universitaire 1975. – übersetzt von Alan Sheridan: Sexuality in Islam, London: Routledge and Kegan Paul 1985 und als Taschenbuch London: Saqi, May 1998 –
bemerkenswert auch sein La societé maghrebine face à la question sexuelle, Paris: Seuil 1984. und seine Studie über Kinderprostitution – Wechselt die Autorin zwischen Sexual-Praktiken und Sexualität, weil sie das für sprachl. schöner hält, oder denkt sie sich etwas dabei?