Die nordische Rasse gibt es – unabhängig
von ihren Ideologen –
sowenig wie es Homosexualität gibt: erst die
begrifflichen
Konstrukte bringen sie hervor.
Gewiss, es gibt blondhaarige, blauäugige,
hellhäutige
Menschen. Und bei vielen Tierarten und Völkern gibt es
Körperkontakte zwischen
Personen des gleichen biologischen Geschlechts, bei denen die
Fortpflanzungsorgane von Belang sind.
Kein Wissenschaftler hält den Cherusker Hermann für
deutsch und
Vernünftige zucken bei „Deutschtum in Namibia,
Michigan und Kasachstan“
zusammen. Doch immer wieder schreiben promovierte Leute über
„Homosexualität“, als ob
dem Wort ein
Begriff zugeordnet sei.
So wie ein Gedicht von Celan deutsch ist, so ist eine
(geschlechtliche)
Beziehung zwischen zwei Personen des gleichen Geschlecht
homosexuell(-sexuell). Ob aber Celan und Dürrematt Deutsche
sind, ist
so fraglich wie, ob Sokrates und Wilde Homosexuelle sind. Auch
wenn
Judentum und Judenheit nicht mal von Akademikern
auseinanderhalten werden, so sind sie wenigstens begrifflich
geschieden, d.h. bei nachdenken sieht jeder Denkende den Fehler, wenn
man sie nicht auseinander hält.
„Homosexualität“
aber
steht für alles und jedes:
Betrachten wir die Dinge genauer:
Ich hoffe es ist klar geworden, dass ich nicht etwa
wünsche, dass
man in Zukunft von „Homosexualität 3d“
spricht. Ich will vielmehr, dass
man das Wort nur noch in historischen Texten verwendet. Über
Prosodie heißt es im Lexikon: „in der Antike ...
heute
vermieden, da vieldeutig.“ Die Vieldeutigkeit und Unklarheit
wollte ich aufzeigen.
Wer partout nicht auf das Wort verzichten will, sollte wenigstens nicht
mehrere Bedeutungen vermengen.
Das Wenigste ist eine Dis-aggregierung des hyper-aggregierten Begriffs.
Nicht genug damit, dass „Homosexualität“ Apfelbaum, Apfel, Apfelwein, Apfelkuchen und Äpfelschütteln heißt, es bedeutet außerdem auch noch Birnbaum, Birne, Birnensaft, Birnentorte und Birnenpflücken. ... Es steht nicht nur für formal Verschiedenartiges, es wird auch besinnungslos für inhaltlich Verschiedenes benutzt. „Homosexualität“ steht für die Mann-Männliches und gleichzeitig für Weib-Weibliches (jeweils Tun, Vorliebe, Rolle usw.). Gewiss, man kann Kleinwüchsigkeit und Hyperwüchsigkeit als Paranormalwüchsigkeit zusammenfassen, aber wird man damit dem realen Leben der so kategorisierten gerecht? Man kann so tun, als seien Schweizer und Ruander, Kanadier und Albaner, im Lande geborener Türke und gerade eingetroffener Japaner in Deutschland gleich Ausländer. Aber niemand käme auf die Idee, diesen allen ein Ausländertum unterzuschieben. Doch der fünfzigjährige Deutsche, der zehnjährige Kambodschaner fickt, der weiße Mittelschichtsamerikaner, der männliche Neger tötet und im Kühlschrank aufbewahrt, die Frau in Jeans und Kurzhaarschnitt, die seit zehn Jahren mit ihrer Freundin zusammenlebt, der Skin in Amsterdam, der gern MännerScheiße isst, und der Bundespolizist, der es sich von seinem Deutschen Schäferrüden besorgen läßt, all das fällt unter Homosexualität.
Es gibt tatsächlich Homosexuelle, die an ein
„schwules Gen“ glauben. Unverbesserliche
Essentialisten
verkündet, bei
Geburt seien die Menschen differenziert danach, ob sich ihr Eros auf
das eigene Geschlechts richte, oder auf das andere.
Die bei Erwachsenen feststellbaren unterschiedlichen sexuellen
Vorlieben und Handlungsstile seien Ausdifferenzierung der
wesensmäßig
gleichen Homosexualität. Dagegen schreibt Halperin:
"Homosexuality and
heterosexuality are not the atomic constituents of erotic desire, the
basic building-blocks out of which every person's sexual nature is
constructed." Primär sind ein ganzes Bündel von
Bedürfnissen: Wärme, Zärtlichkeit,
Anerkennung, Geborgenheit, Bestätigung. Aus dem
Primatenzoo wissen wir, dass Affen von Natur hitzig werden, aber nicht
wissen, wie man sich Erleichterung verschafft: der Gebrauch der
Geschlechtsorgane ist erlernt. In manchen Gesellschaften ist die
Entladung fast wie Läuselesen: eine unkomplizierte Art,
Nähe zu zeigen
und zu genießen. Bei anderen ist sie meist mit Aggression
verbunden:
einer genießt
Dominanz, der andere erleidet sie oder genießt die
Unterwerfung, die
Hingabe. Mancher versucht alles mit einem einzigen Partner
hinzukriegen: intellektuelle Bestätigung, sexuelle Ekstase und
regelmäßige Triebabfuhr. Andere hegen Freundschaft
mit einem,
ordentlichen GV mit einer und
Ausflippen mit Fremden.
Während der Nordeuropäer im letzten Viertel des
20. Jahrhunderts
davon ausgeht, dass man entweder auf beschwanzte oder bemöste
Menschen
abfahre (und der Bisexuelle auf beide Geschlechter), geht der Teilhaber
an der traditionellen turko-irano-arabo-islamischen Zivilisation davon
aus, dass
mann auf Frauen, Mädchen, Knaben und nicht allzu maskuline
Jugendliche
steht – und derjenige wäre
bisexuell, den sowohl Knaben wie richtige Männer erregen (und
krank
wäre derjenige, der sich penetrieren lässt).
Ali Kemal Yılmaz im Gespräch mit Heribert
Mürmann am 15.8.1991:
Eine Tunte wollen alle ficken. Aber von einem Transvestiten wollen alle
Freier gefickt werden. Sie sagen:
„Du bist eine Frau mit Schwanz.“ Das sind Heteros,
die Tunten
verabscheuen, und nur Sex mit Frauen haben: solchen mit und ohne
Schwanz. Die wollen ab und zu von einer Frau gefickt werden.
Es ist genauso absurd, das Tun und Verlangen von
Männer bepinkelnden
Skins, von vergewaltigenden Gefängniskapos,
Schürze
tragenden,
Frauenarbeiten verrichtenden Masochisten, von ihre
Partner am Halsband
ausführenden
Meistern, Unterhosen eines Pornostars schnüffelnden
Masturbatores, Schwanz
lutschenden Schnauzträger in Holzfällerhemden,
Fickern von Thaiknaben und Tunten in Straps als
„Homosexualität“ zusammenzufassen, wie
religiöses Fasten, Gesundheitsdiät, Bulimie
getriebenes Kotzen,
Verhungern infolge von Dürre oder Bürgerkrieg,
Magerkuren, Hungern,
weil zu arm, zum Lebensmittel kaufen, Hungern, weil die Eltern alles
versaufen, Hungerstreiken, Hingerichtet werden durch
Unterernährung in
einen Topf zu werfen.
Homoforscher, die nie eine fremde
(zurückliegende, entfernte) Kultur studiert haben, glauben
tatsächlich,
die Akte zwischen Männlichen seien überall gleich,
nur
die Interpretation sei andernorts und früher anders gewesen.
Dabei gibt es schon zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich
Riesenunterschied: Während
„der Franzose“ angesichts eines geilen Mannes den
Arsch lobt (den er
gern ficken wolle), erklärt
„der Ami“: vor dem würde er sofort in die
Knie gehen (und ihm
einen
blasen). Der junge Amerikaner lernt, dass sich das seine
Klassenkameraden gern von ihm gefallen lassen (die machen dabei ja
genauso wenig wie Clinton im Oval Office), und dass Ficken eher
Schweinkram ist. Im
Resultat kann der „gay“ dann besser blasen als der
„pédé“. Wenn Genet
beschreibt, dass der sich vorgebeugt habende Gefickte
möglichst
unbeteiligt tun muss und nachdem (!) der Ficker gekommen ist, im
Nebenzimmer (!) sich allein einen runterholt, dann ist das
doch was
ganz anderes als zwei Fickende, die sich dabei in die Augen schauen und
möglichst gleichzeitig kommen.
Ob
es drei Minuten dauert oder vier Stunden, ob mit vom Körper
(von einem
Menschen zu schweigen) losgelösten = durch ein Loch gesteckten
Schwanz
oder im Bett,
ob mit Angst vor der Polizei
oder in der Kabine eines schwulen Karibikkreuzers, da findet
Unterschiedliches statt und nicht Gleiches unterschiedlich
interpretiert.
Ob einer drei Mal wöchentlich abspritzen will wegen des
Säftehaushalts
oder weil er „so“ ist, ob er dabei völlig
ausklinkt oder damit Liebe ausdrückt, ist doch nicht nur ein
Überbau-Unterschied.
1944 sahen in England stationierten amerikanischen Soldaten
Britinnen als
„Schlampen“ und „Zicken“: die
einen machten gleich die Beine breit, die
andern flirteten erst, wiesen sie dann aber brüsk ab. Es
stellte sich
heraus, dass auf beiden Seiten des Atlantik 50 Stufen zwischen den
ersten Augenkontakt und dem Koitus lagen. Dummerweise aber andere und
in anderer Folge: während in England der Zungenkuss
erst ganz
kurz vorm dem GV dran war, kam er in Amerika viel früher. Wenn
die Alliierten küssten (in deren Augen recht harmlos) mussten
die Britinnen schon
entscheiden: Lass ich ihn ran oder mach ich 'ne Fliege?
Und niemand kann mir
weiß machen, dass ein Kuss wie der andere sei, dass man ihn
nur verschieden interpretiere.
Von sich auf andere zu schließen ist dumm.
Kategorien der eigenen Gesellschaft auf andere zu übertragen
ist wenig
hilfreich – es sei denn als ein
„verfremdeter“ Blick neben dem
„eigentlichen“.
Mit dankenswerter Klarheit zeigt Schmidtke, dass man mit
„Homosexualität“ im
arab-iran-turanischen Raum fast automatisch Unfug
anstellt. Einerseits spricht sie von aktiver und passiver
Homosexualität, womit aber keineswegs
Aktivität und Passivität gemeint sind: der aktiv
Kunden anmachende Strichjunge, und der höchst aktiv
schwanzjagende maʾbûn
gelten ihr als passive Homosexuelle.
Andererseits behauptet sie, es gebe zwei quasi-akzeptierte
Homosexualitäten, die mit Altersunterschied
und die mit
Geschlechtsrollenunterschied. Der Unsinn
ergibt sich nicht nur, weil
Homosexualität sowohl für eine Neigung und ein
Verhalten einer Person (die dann „aktiven“ oder
„passiv“ sein kann) als auch für Verhalten
zwischen Personen gebraucht wird, es wird auch durch die krude
Realität
in Frage gestellt: Handelt es sich bei baččabâzlik um
transgenerational
oder um transgenderist homosexuality?
Und dann spricht Schmidtke auch noch von „den
Homosexuellen“![zum
Anfang der Seite]
So wie Juden in osmanischen Aleppo, wo es Armenier,
Kurden, Griechisch-Orthodoxe, Türken, Sunniten verschiedener
Rechtschulen und Sufi-Bruderschaften, Syrisch-Orthodoxe und in der
Nähe
Yeziden, ʿAlawiten,
Zigeuner, Maroniten, Imamiten gab, und solche in Meknes oder
Regensburg im 12. Jahrhundert wo Juden
die
einzige
Minderheit waren, gleichzusetzen ist dumm.
Spanisch-sprachige, berberophone und arabophone
marokkanische Juden mit
den Söhnen Israels im Jemen,
die zwar unter den edlen
Prophetenabkömmlingen und den Stammesangehörigen
standen, aber über Pariagruppen (und Sklaven ?), und in
mancher (nicht jeder) Hinsicht
näher an der Leitkultur waren als Sunniten und
Afrikaner, in einen Topf zu werfen, mag politisch korrekt sein,
wissenschaftlich genau ist sie nicht.
Und wie man zum Verstehen der Situation der
europäischen Juden
weniger in den Talmud schauen muss, als in die Ökonomie,
Kultur und gesellschaftliche Struktur der europäischen
Staaten, so unergiebig ist es, „die Homosexuellen“
zu studieren, ohne die Struktur und die Werte der Gesamtgesellschaft im
Auge zu haben. Europäische Soziologen machen
als das Besondere der Homosexuellen Stigma-Management und
Verhüllungs-Enthüllungs-Management aus. Doch wenn es
gar kein Stigma
gibt, wenn man es nicht geheim halten muss, oder man es gar nicht
geheim halten kann, gibt es dann keine Homosexuellen?
Zumindest
keine im europäischen Sinn.
Wer glaubt die sexuellen Verhältnisse zwischen
Männlichen verstehen zu
können ohne die „Stellung der Frau“, d.h.
die Aufteilung der Entscheidungsmacht auf Geschlechter und Altersgruppen,
die gesellschaftl. Vorstellungen über die Natur der
Geschlechter und
Altersgruppen (natürl. Talente und Charakter
die Arbeits-/Aufgabenteilung,
das Heiratsalter, die zahlenmäßige Verteilung von
Unverheirateten
(Knechte, Mönche, Hagestolze), die Erbfolge
studiert zu haben, tut mir leid.
Aufschlussreich sind auch die Schönheitsideale
diverser
Gesellschaften, Schichten und Subkulturen. Analog zur
essentialistischen Sicht der Homosexualität
(„Überall
und immer gibt es
von Natur einen gleichen Satz von gleichartig HomoSex-Begehrenden, nur
leben sie dies in verschiedenen Gesellschaften verschieden
aus.“)
könnte man sagen: Überall und immer begehren etwa
gleichviel Männer
große, schlanke, fettarschige, alte, blonde, vollbusige,
androgyne,
junge, schwarzhaarige Frauen; unter dem Einfluss von
Schönheitsidealen
verleugnen dies manche, vielen ist es sogar wichtiger mit einer
gesellschaftlich begehrten Frau zu gehen als mit einer, die sie von
ihrer Veranlage/Prägung her geil finden.
Das ist aber Quatsch: „Die Araber“ pfeifen
fettarschigen Frauen nicht nur hinterher, weil Freunde in der
Nähe sind, sie greifen zu ihnen auch öfter als
Deutsche – häufiger, also ein
größerer Anteil an „den“
Arabern, nicht jeder einzelne. Und so wie manche
Soziologen den Bubikopf und das Twiggy-Ideal als Homosexualisierung der
nord-west-europäischen Heterosexualität lesen, so
sehe ich
bei Sex mit einem Transvestiten (siehe oben) oder mit einem pummeligen
Dreizehnjährigen (siehe unten) gar keine
Homosexualität, sondern
HeteroSex mit einem Schwanzträger.
Strafrechtler, Moraltheologen und Psychologen mögen
anders vorgehen – Kulturwissenschaftlern empfehle ich
folgendes: Schaut
euch die
konkreten Einrichtungen an, die Tanzveranstaltungen, Bäder und
Kinosäle, die Cafés, die Sittenpolizei und die
Rechtshilfevereine, die
Reizwäscheläden und Klöster.
Auf den Spuren Wirths wird man über mann-männlichen
Sex im Maghreb mehr
erfahren als durch Koranlektüre à la Schmidtke. Ja,
lest die Romane der
Ausländer und die der Araber und Berber (achtet dabei auch
für welches
Publikum, in welcher Sprache sie geschrieben wurden), aber achtet auch
auf Kontaktanzeigen, Sportmagazine und Pfadfinderlager, auf die
TV-Game-Shows,
soap operas und Filme. Ich verstehe einfach
nicht, wie man
die Vorliebe für frauenliebende Soldaten, die man
fürs Berühren-Dürfen
bezahlt, die reine Liebe, die repeatedly exists between
an elder and a younger man, when the elder man has intellect, and the
younger man has all the joy, hope and glamour of life before him eines
Wilde, die Schwärmereien eines Thomas Mann für
zwanzigjährige Kellner
oder die Gides oder Maupassants für Kinder mit dem Lederkerl,
der einen
Freund am Hundehalsband durch Barkeller zieht, in einen Begriffstopf
wird. Wer San Franciscos gay banks und
Dänemarks Homo-Ehe in
Casablanca sucht, wird nicht fündig; wer Rio de Janeiros
Transi-Stricher in Istanbul oder Beirut sucht (oder unter den
orientalischen Prostituierten in Berlin und Paris) schon eher.
Hilfreich ist auch ein Studium der Kommunikation:
Sprichwörter, Schimpfwörter, Anzählverse und
Gesten. Es dürfte bekannt
sein, wie üblich in Italien das Andeuten der Hörner
des Gehörnten
hinter dem Kopf eines Mannes ist, aber niemand hat beschrieben, wie
üblich es in Syrien
ist, sich hinter den Rücken eines jungen Mannes zu stellen und
Stoßbewegungen mit dem Becken zu vollführen. Es ist
eben nicht das
Gleiche, ob man jemanden üblicherweise als
„Arschficker"
beschimpft
(wie in Deutschland) oder als „Gefickten“ (wie in
Syrien).
Man verschone mich mit Geschwafel à la „A
hatte Verkehr mit seinem Partner B“!
Was genau, warum und wozu – vielleicht auch noch wie, wo und
wann.
Wem das zu konkret ist, der mache doch einen Bogen um derlei Themen:
Besser gar nichts dazu schreiben als aus einem Abstand, aus dem man
Einzelheiten gar nicht wahrnehmen kann. – Und wem ohnehin
klar ist,
dass HomoSex nur ein aussagearmer Oberbegriff ist, der kann die Listen
überspringen.
Es ist nicht das Gleiche, wenn
Trotz des unleugbaren Gegensatzes zwischen Ficken zur Markierung einer Distanz (Dominanz, Demütigung) und Ficken zur Festigung einer Nähe (Hingabe, Aufnahme, Durchfluten, Reinkriechen) kann nicht bestritten werden, dass es zu Kreuzungen kommt: eine gespielte, einvernehmliche Demütigung aus Ausdruck von Nähe, die Etablierung eines männlichen und weiblichen Pols beim Sex als Gegengewicht zur bestimmenden und versorgenden Rolle des Gefickten im Zusammenleben usw. Dass Elemente vermischt vorkommen, ja sogar, dass etwas Ausdruck des Gegenteils sein kann, hebt die Gegensätzlichkeit nicht auf, nivelliert die Verschiedenheit nicht zu einem homogenen Homosex.
Die Elemente sind auch nicht gleichmäßig
über alle Kulturen und
Epochen verteilt. Es mag auch schon vor 30 Jahren vorgekommen sein,
dass ein Mann einem andern schmerzhaft an den Brustwarzen knabbert,
doch dass man bei Männern in Jeans oder Lederhose davon
ausgeht, dass
die da gern gezwackt werden und ziemlich bald mit Fingern,
Zähnen oder
Zangen Schmerzen erzeugt, ist eine neue Mode.
Lycra-Fetischisten gibt es seit sehr kurzem, Gummi-Fetischisten etwas
länger und selbst Lederbars entstanden erst in den 50er Jahren.
Es wäre naiv zu glauben, dass es zwar „diese
Verfeinerungen“
bei „den Persern“ nicht gegeben habe, aber die
grundlegenden Verhalten überall gleich seien. Tanzknaben und
Betrachten von Jüngelchen habe es in Mainz nicht gegeben, aber
Männer, die miteinander gefickt haben habe es hier
wie dort gegeben. – Ja, in dieser Allgemeinheit mag das
stimmen. Aber
die Zahl, das Alter, die Art der Beziehung, das Finden von Partnern,
die Bedeutung der Handlungen, die Dauer und die Art der Handlung selbst
sind extrem unterschiedlich.
Mitte der 70er Jahre trugen ganz viele Nordmänner, die Sex
miteinander
hatten, einen Schnauz, heute haben ganz viele einen extremen
Kurzhaarschnitt, während in anderen Kulturen nur einer
äußerlich anders
ist als die Masse der Männer: sei es der tuntige oder
gepflegte
Gefickte, sei es der tätowierte oder bestiefelte Ficker.
In den 50er Jahren scheint es bei US-Jugendgangs nichts besonderes
gewesen zu sein, dass ein Kerlchen den Kerlen einen geblasen hat, etwa
so wie er im drugstore deren Tablettes nach dem
Essen
weggeräumt hat. – In Ägypten hat er sich
von den bullies
des
Viertels eher ficken lassen. Während dem jungen Amerikaner,
das zu
schweinig war, war dem Ägypter aktives orales Bedienen zu
erniedrigend,
während ihm beim Geficktwerden einfach keine Wahl gelassen
wurde – und
was einem passiert, dafür ist man nicht verantwortlich.
Auf englischen Internaten lief es anders als auf
österreichischen oder
französischen. Die Zugänglichkeit von Prostituierten
und die Frage, ob
jedem älteren Schüler ein jüngerer als
Diener zugeordnet ist, spielt
eine Rolle, Katholizismus versus Protestantismus und die
Standesverhältnisse sind auch von Bedeutung.
Überhaupt ist immer die
Frage nach Mittelschicht, Unterschicht, Blutadel und Geldadel zu
stellen. Auch ist der Katholizismus im katholisch regierten Bayern
anders, als im preußisch beherrschten Rheinland, anders
wiederum als in
der norddeutschen Diaspora. (Berberdorf, Araberstadt in Marokko, Kairo,
Deltadorf, Damaskus und Beduinenzelt dürften sich auch in
diesen
geschlechtlichen Dingen unterscheiden.)
Wenn was nicht stimmt, bitte ich um Hinweise
Unabhängig von Details glaube ich gezeigt zu haben, dass
Handlungen,
bei denen erotische Zonen und Genitalien, erotische Rituale und Lust
eine Rolle spielen verschieden sind und sehr verschiedenes bedeuten.
Da bei MittelstandsEuropäern der zweiten
Hälfte des
20. Jahrhunderts Sexualität ganz nah an dem ist, was
man/frau ist,
da es intim und tabu ist, noch ein Mal den gleichen Gedanken an einem
unverfänglicherem Thema.
"Ein Auto haben" ist nicht für alle das Gleiche
Und wer so intelligent ist, nicht nur einfach "Auto" zu sehen,
darf
wenn er alte Kulturen studiert nicht nur – von der Sprache
(Wagen,
voiture, Karosse, 'arabiya, coach, Droschke) verleitet – nach
Kutschen
Ausschau halten, sondern muss nach
Fortbewegungsmittel
Freiheitssymbol
Privatsphärenschaffer
Statussymbol
Mannbarkeitssymbol (bzw. -ersatz)
Wirtschaftsfaktor usw. sehen.
Dann ist es etwa nicht bloß der Wagen, sondern das Reit- und
Zugpferd.
Ähnlich zu "Sex /=
Sex" ist die Beobachtung, dass sich Sportler alle paar Jahre anders
freuen. für die letzten
50 Jahre besitzen wie Aufnahmen von Fußballspielern
unmittelbar
nach
einem Torschuss, von Tennisspielern beim Machen eines wichtigen
Punktes: das
Verhalten ändert sich alle paar Jahre, hat oft kaum
Ähnlichkeit mit
den Reaktionen von vor fünf Jahren -- und es sind ganz
offensichtlich
nicht Idiosynkrasien
sondern zu 90% zeitbedingte Gesten. Dabei sollte man Freunde
für eine
viele unmittelbarere, natürlichere, weniger erlernte Sache
halten als
Sex.
Es hat sich als hilfreich erwiesen, Gefangene und Wärter zusammen zu betrachten. Kriminologen haben die Viktimologie etabliert, in der Verbrechen nicht vom Verbrecher aus, sondern vom Opfer her erklärt werden. Soziologen und Psychologen haben erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen Polizisten und Verbrechern festgestellt. Trotzdem spricht man gemeinhin nicht von Gefägnispersonal, wenn man Gefangene meint und von Kriminalen, um unterschiedslos Polizisten, Verbrecher und Opfer zu bezeichnen. Doch komischerweise spricht man ständig von Homosexuellen, die man dann in aktive und passive, situative und natürliche, in anonym agierende und offen Schwule unterscheidet.
Dass es HomoSex an sich nicht gibt, heißt nicht, dass man die Gesamtheit der sexuellen Handlungen und Reaktionen von Menschen nicht nach dem Geschlecht der Beteiligten einteilen könnte. Ich bestreite nur, dass es sinnvoll ist. Wenn man männliche Prostituierte (solche die männliche und/oder weibliche Kunden haben) und weibliche Prostituierte zusammen betrachtet, bringt dass mehr, als der Vergleich von alle möglichen Männlichen, die Sex mit Männlichen haben. Wie alt sind sie, wie alt haben sie angefangen, haben sie einen Zuhäter (die Elternß), wer sind die Kunden usw. Und Sextourismus nach Marokko sollte sinnvollerweise mit Sextourismus nach Jamaika, Thailand und den Philippinen verglichen werden – dass dabei nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern auch die indigenen Einstellungen zum und die frühere Organisation des Sexuellen zu betrachten sind, versteht sich. Ich will keine Fragestellungen verbieten, sondern die Beschränktheit von Beschränktem aufweisen.
An der Schwelle zum 3. Jahrtausend scheint es plausibel,
Unterschiede zwischen Mann und Frau zu leugnen und
Männerliebende und
Frauenliebende in einen Begriffstopf zu werfen, doch sollte man
wenigstens ab und zu innehalten und sich die Taxonomien der
Gesellschaft anzuschauen, über die man spricht. 1991
veröffentlichte E. K. Rowson einen Artikel über
Geschlechterkategorisierung und sexuelle Abweichungen in
mittelalterlichen arabischen Lasterbüchern. Es zeigt
sich, dass Phänomene, die anachronistische Eurozentristen
unter „Homosexualität“ zusammenfassen, an
drei verschiedenen Stellen auftauchen:
die Knabenficker zusammen mit den Arschfickern von Frauen und denen,
die für Geld Sex haben (nicht weit von den Hurern),
die sich mit Lust ficken lassen (bei den Impotenten und
ihre-Frau-Machen-Lassenden, oder gar Verkuppelnden)
und in der Mitte, die wo kein Penis eindringt, also die Lesben, die
Masturbatoren und Zwischen-den-Schenkeln-Reiber.
Rowson zeigt auf, dass die arabischen Sexologen nicht wirre,
unsystematische Köpfe hatten, nur weil sie nicht nach der
„sexuellen Identität“ einordnen, sondern
dass die Liste nach einem Gesichtspunkt
geordnet ist: Vaginalpenetration (sogar von fremden Frauen) ist top,
sich oder seine Frauen penetrieren lassen das Gegenteil.
Um sich der Unhaltbarkeit der Begriffs klarzumachen, reicht es, ihn nur
noch in seiner durchsichtigen, in seiner deutschen Form zu verwenden.
Ich bin überzeugt: Wenn man "Homosexualität"
überall durch "Gleichgeschlechtlichkeit" ersetzte, vermiede
man ihn bald ganz.
Nicht dass man sich auf Einzelheiten beschränken müsste, aber vielleicht sollte man mit ihnen anfangen. Vielleicht kommt uns im Zeitalter des anything goes das Gefühl für hegemoniale Verhaltensmuster ab, vielleicht ist das manchen auch zu kompliziert, einerseits ein tonangebenden Leitmuster herausarbeiten zu sollen und gleichzeitig die Existenz einer darin nicht aufgehenden Realität nicht zu verleugnen.
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