N e u w i r t h s   G r o ß - W e r k













Angelika Neuwirth, FU-Ober-Arabistin, hat das ProÖmium ante Opum Magnum vor­gelegt (oder auf Deutsch: den Auftakt zum Karriere krönenden Werk): Der Koran als Text der Spät­antike. Ein euro­päi­scher Zugang, der nullte Band zu dem – insgesamt sechsbändigen – Handkommentar zum Koran. Tilman Nagel hat das Buch in der NZZ gewürdigt und bei Amazon.de ist eine recht informa­tive Kunden­rezen­sion er­schie­nen. Deshalb werde ich hier meine persönliche Stecken­pferde reiten: Logik, Fremd­wörter, Erd­kunde und arabische Schrift. – Auf viel­fachen Wunsch habe ich mich doch noch auf­gerafft, eine Kritik des Buches als Ganzes zu schreiben, obwohl ich der Ansicht bin, dass es in einem Werk, in dem so gut wie kein Satz einwandfrei ist, gar nicht mehr darauf ankommt, ob der Autor etwas Vernünftiges sagen wollte.

Neuwirths Logik erschließt sich mir manchmal nicht:
„zwei Prinzipien für die Deutung des Konsonanten­textes [sind] Sprach­genauig­keit und Verein­barkeit mit dem Konsonanten­text“ (253)
– Im Gegen­satz zu Neuwirth lieben muslimi­sche Gelehrte Genauig­keit: Wenn sie Bedingun­gen meinen, sagen sie nicht „Prinzi­pien“ oder „Grund­sätze“, sondern „Bedingungen“.
– Wenn es um die Aus­legung von Etwas geht, verlangen sie nicht als Bedingung, dass dieses Etwas mit sich „verein­bar“ ist – das setzen sie als selbst­verständlich voraus.
Neu­wirth sagt etwas wie: Damit ein Auto­mobil ein Auto­mobil ist, muss es prin­zi­piell vier Räder haben und ein Automobil sein.
(Nebenbei: „Deutung“ ist etwas unklar. Es geht um die Reali­sierung, die Lesung, die Um­setzung von Geschrie­bem in Gesproche­nes – derlei nennt Neu­wirth sonst perfor­mance.)

„typologisch markante Anfangsteile literarischer Kom­positio­nen einer gemein­samen Gattung [haben] nicht selten eine über ihren indivi­duellen Aussage­wert hinaus­reichende Bedeu­tung für die Gesamt­struktur, wie inner­halb der vor­korani­schen Litera­tur der Anfangs­teil der alt­arabischen Qaside, nasīb, klar beweist.“ (284)
a) vorkoranisch ≈ altarabisch – Neu­arabisches hat es vor dem Koran nicht gegeben.
b) dass etwas „nicht selten“ der Fall ist, kann nicht „klar“ bewiesen werden, da „nicht selten“ eine unklare Maßeinheit ist.
c) Der nasīb beweist gar nichts. Neuwirth will sagen: Dass der nasīb xy ist, beweist YZ.
d) Aber auch dies ist Quatsch; das wäre allen­falls ein Beispiel für YZ und kein Beweis.

„Angesichts der nicht gesicherten Über­lieferung der wenigen bisher gesammel­ten Aus­sprüche der kuhhān, der Seher­reden, kann der Vergleich selbst nicht über­prüft wer­den“ (285) – Da weit und breit keine Ver­gleiche erwähnt werden, die Neu­wirth über­prüfen könnte, und da sie sich nur selten genau ausdrückt, ver­mute ich, dass sie mit „Ver­gleiche über­prüfen“ schlicht „ver­gleichen“ meint. Dann stimmt aber die Aus­sage nicht. Natür­lich kann man die Schwüre ver­glei­chen (und, wenn man das will, den Ver­gleich überprüfen).
Ob die außer­korani­schen Schwüre wirklich alle vor­koranisch sind oder einige nach­koranisch, spielt für den Vergleich nicht die geringste Rolle – allen­falls für mögliche Schluss­folgerungen aus dem Vergleich.
Übrigens geht Neuwirth weiter hinten im Buch des Öfteren von einer Ähnlich­keit zwischen Seher-Rede und frühen Suren(-teilen) aus, was man ja nur machen kann, wenn man beides mit­einander ver­glichen hat – ein Hinweis darauf, dass dieses Buch, ganz wie der Koran laut Neuwirth, gar keinen „Autor“ hat. Wahr­scheinlich hat ein Rechner­Programm ihre Fest­platte nach Korani­schem abgesucht, abgemischt und es zum Druck gegeben; es wirkt jeden­falls wie Reste- und Zweit-Verwer­tung. So kam es wohl dazu, dass in dem Werk ʿĀṣim zweimal stirbt: auf Seite 30 im Jahre 128 und 228 Seiten später im Jahre 127.

Einen Logikfehler anderer Art begeht sie mehrmals. Sie nennt frühe Text­schnipsel (etwa auf Münzen), die so (oder ganz ähnlich) im Koran vor­kommen, „Koran­zitate“, fol­gert daraus, dass der (ganze) Koran damals schon fixiert war, und hält dies für ein Argument gegen Wansbrough & Co.
Ist es aber nicht. In Wans­brough's Sicht wurde der Koran später aus zir­kulieren­den Texten und Sprüchen zusammen­gestellt. Danach wären es nicht „Zitate“, sondern später in den Koran ein­gegange­nes Material.
Inhaltlich mag sie recht haben, logisch ist es falsch.

Besonders stören mich die Fremdwörter, nicht weil ich teutonisch eingestellt bin, sondern weil ich durch­sichtige Wörter liebe, solche die man (fast) von allein versteht: Turmuhr, Taschen­uhr, Taschen­tuch, Bade­tuch, Bade­mantel, Um­mante­lung, Umwelt­Verschmut­zung, Schall­platten­spieler.
Könnten die meisten Deutschen so viel Griechisch und Latein, dass sie die ihnen hier vorge­setzten Wörter nicht nur als Ausweis der Gelehr­samkeit erkännten, sondern sie auch durch­schauten, dann hätte ich nichts dagegen. Aber wer weiß denn, dass ortho­dox von ortho=recht und doxa=Meinung kommt (also recht­gläubig heißt), Doxo­logie aber von doxa=Majestät und logos=Wort und Lob­preis (die Majestät preisendes Wort) bedeutet? Warum verwendet Neuwirth nicht die ver­ständ­lichen Wörter „recht­gläubig“ und „Lob­preis“?
Meine Argumente gegen undurchsichtige und/oder falsche Fremd­wörter richten sich natürlich nicht nur gegen Neu­wirth, son­dern die Mehrheit der Zunft.

Wenn es um einen antiken lateinischen oder griechischen Text geht, stört es mich nicht, dass man von der Figur des Merismos (auch distributio) redet. Der Gräzist weiß ja, dass es „Verteilung“ heißt und damit die Nennung des Ganzen und dann von Teilen davon gemeint ist: „Das Heer eroberte die Stadt“, – das Ganze – „ihre Mauern und Gräben, ihre Straßen und Plätze, ihre Häuser und Tempel.“ Dass die Auf­zäh­lung der Teile nicht erschöpfend, sondern beispielhaft ist, weiß der Gräzist. So weit so gut.
Kommt aber ein Bibel­kundler einher und nennt das biblische „von Dan bis Be'er­scheva“ oder „von Kopf bis Fuß“ statt mit einem hebräi­schen oder einem deutschen Aus­druck, mit dem grie­chi­schen Wort, das etwas anderes bezeichnet, dann graut es mir. Und kommt dann ein Arabist daher und benennt etwas Drittes, einen „polaren Aus­druck“ (dick und dünn, groß und klein), mit demselben grie­chi­schen Wort, obwohl hier gar nichts verteilt wird, dann ist es dumm und an­gebe­risch. Und wenn der Begriff benutzt wird, sowohl für Begriffe, die nur sich selbst bezeichnen (Himmel und Hölle), als auch für solche, die alles Da­zwischen­lie­gende ein­schließen (Berg und Tal, Rektor und Erst­semestler), dann ist man auf NN (Neuwirth-Niveau) angelangt.

Es ist aber nicht nur so, dass Frau Professor im Jargon ersäuft und damit den Unberu­fenen klar macht, dass sie in den hehren Gefilden der Akademie nichts verloren haben, sie macht bei ihrem Angeber­tanz auch falsche Schritte: fait accompli heißt wört­lich „abge­schlossene Tat“, bedeutet aber im Deutschen „vollendete Tatsachen“, mit denen man jemanden über­rumpelt, etwa ihn vor die Wahl stellt, anzu­nehmen oder abzu­lehnen „wie es ist“ – es mitzu­gestalten ist nicht mehr möglich. Wieder und wieder sagt sie, der Koran­text sei ein fait accompli, so als habe der Kalif Uthmān – oder ein anderer Kanoniker (oder wie heiߟt das?) – die Gemeinde der Muslime mit einem hinter deren Rücken zusammen­gestellten Kodex über­rumpelt, meint aber wohl (?) nur, dass der Text „fertig, abgeschlossen“ sei.

Ein Beispiel für, dass ihr RechnerProgramm noch nicht vollkommen ist:
Erst nennt sie – wie 1991 in einem Aufsatz – den zweiten Vers der zweiten Sure („Alif Lām Mīm. Das [der Koran] ist die Schrift“) „dieses incipit“ (146), doch später weist sie auf eine andere Lesung; „Alif Lām Mīm. Jene [himmlische] Schrift“, womit es kein Incipit wäre.
Natürlich erklärt sie den lateini­schen Begriff nicht. Er hat eine Grund­Bedeu­tung und eine ab­ge­leitete Bedeu­tung:
1.) ein Kapital am Anfang eines Textes, das mit „incipit“ (es beginnt) anfängt (oder mit einer volks­sprach­lichen Ent­sprechung wie „Hie hebt sich an ...“ oder “Heere bigynneth ...”),
2.) die ersten Worte (oder auch das erste), wenn es zur Bezeichnung des ganzen Textes dient (Beispiele: BeRischit, Gloria, Salve Regina, Miserere, Ṣād, TāHā, YāSīn ... Mit bren­nender Sorge, Pacem in terris, Humanae Vitae ...)
Im zweiten Sinn kann sie es nicht meinen, weil die Sure weder mit „Baqara“ (ihrem Namen) noch mit Koran (dem Namen des Ganzen) anfängt. Sie muss es in der Grund­Bedeu­tung meinen; das ist aber nicht erst falsch, seit sie Madi­gan und Sinai gelesen hat und seither davon aus­geht, dass mit „kitāb“ an dieser Stelle nicht die hier beginnende Schrift, der Koran, gemeint ist, sondern die Schrift im Himmel. Es war auch schon auf Seite 146 falsch, weil die Sure gar nicht mit „Dies ist die Schrift“ anhebt, sondern mit „Im Namen Gottes ...“ und dann noch „Alif Lām Mīm“ kommt. Dies Problem über­geht sie einfach. Wohl wahr, dass „die Wissen­schaft“ davon aus­geht, dass die frühen Suren erst ohne die Basmala („Im Namen Gottes ...“) anfingen, aber Baqara gehört nicht zu den frühen Suren. Und dann noch die geheim­nis­vollen Buch­staben. Da es sich nur sehr bedingt um ein Incipit handelt, wäre es viel­leicht auch ganz ohne das lateini­sche Wort gegangen – doch nicht mit Neuwirth!

Auf den ersten Blick weniger störend sind arabi­sche Wörter für arabische Sach­verhalte, etwa ʿunwān für den Surentitel. Aber warum? Auf Deutsch haben wir Sure, Suren­name, Suren­titel, und wenn das nicht reicht, Suren­titelei. – Der Name dient der Nennung, so wie bei west­lichen Islam­wissen­schaftlern die Nummer (Sure 2 heißt al-Baqara), der Titel steht in einem Kodex vor der Sure – in den extrem seltenen Fällen, wo er nach der Sure steht, muss das gesagt werden. Titelei könnte man ein Schmuckkästchen mit Suren­name, Suren­reihen­folge, Offen­barungs­ort und Vers­anzahl nennen, man könnte das aber auch Titel­kasten nennen oder ʿunwān. Ich hätte nur gern eine Ansage.

Ich weiߟ: Bewohner des Elfenbeinturmes, die selbst gern die Zugbrücke zu ihrem Mauer­zimmer hoch­ziehen, stört das nicht. Allein, dass ich derlei bemerke, zeigt ihnen, dass ich nicht dazugehöre.

Tropen wie Paronomasien, Parallelis­men und eine chi­asti­sche Konstruk­tion deuten auf frühe Komposition und Syner­gismus. Epistemi­sche Implika­tion der De­chiffrie­rung des codier­ten Enigmas primor­dialer Schöpfung im Spannungs­feld zwischen Proto­logie und Eschato­logie fi­gu­rie­ren als locus classicus überhaupt von hermeneu­ti­scher Valenz mit polemisch-paräne­tischer Emblema­tik und ephemere Nah­deixis. Das kerygma­ti­sches Derivat evoziert die Pro­zessua­li­tät appella­to­ri­scher Sektionen und wird mit­unter als okkasio­nell pagan ins Relief gesetzt. Die Ätiologie mündet in eine explizit gemachte Aporie und dem Moment der per­suasio eignet anti­theti­sche Lektüre, Ektenie und trium­phale Affirma­tion – und das alles ohne Erklärung – weder im Text noch in einer Verdeutschungs­Liste.
Und wenn doch mal ein Wort erklärt wird, dann nicht beim ersten Mal, wo Neu­wirth es gebraucht, sondern später – in der Hoff­nung, dass der Leser das Buch bis dahin (im Glauben, dass der Inhalt ganz toll sein müsse) aus der Hand gelegt hat? Erst schreibt sie „Kon­kate­na­tion“, ohne es zu erklären, zwei Seiten später: „wieder durch Kon­ka­te­na­tion, d.h. durch die Ver­kettung von Reim- und Anfangs­wort zweier auf­ein­ander­fol­gen­der Verse“. Warum nicht ganz auf das Fremd­wort ver­zichten und beim ersten Mal „Ver­kettung, d.h. Wieder­holung des letzten Wortes eines Verses am Anfang des nächsten“ und beim zweiten Mal „Verkettung“ benutzen?

Das Proömium, (lateinisch aus alt­grie­chisch pro­oimion; deutscher Plural Pro­ömien: Vor-dem-Lied = Vor­an­gestell­tes) ist seit der Antike ein ein­führen­des Kapitel, ein Vorwort von Dich­tungen. In der byzan­tini­schen Diplo­ma­tik ist es die Bezeich­nung für die Arenga (nicht bindende Ein­lei­tung einer Urkunde, PräAmbel) Man unter­scheidet:
a) Proömien praeter rem, die mit dem folgenden Werk in keiner Ver­bindung stehen,
b) Proömien ante rem, die Einlei­tungen zum folgen­den Werk. Übliche Bestand­teile eines solchen Proömiums sind die Nen­nung des zu be­singen­den Stoffes, eine kurze Inhalts­angabe, die Anru­fung einer über­ge­ordne­ten Macht mit Bitte um Inspira­tion und Hilfe, der Grund für die Abfas­sung des Werkes, und schließlich die Bitte um das Wohl­wollen der Hörer bzw. Leser.


 

 




Typisch für die gedankenlose Art der Auto­rin. Weil sie sich ja aus­kennt, sieht sie nicht, dass sie sich miss­verstädlich aus­drückt.
„der ... Aus­sprüche der kuhhān, der Seher­reden“
Das sieht so aus: kuhhān = Seher­reden,
richtig ist aber: kuhhān = Seher.
Hätte sie geschrieben:
„der Seher­reden, der Aus­sprüche der kuhhān“
wäre alles klar.
Aber noch besser wäre:
„der Seher­reden“.
 

 

L e i t s e i t e

Brief an den Beck-Verlag zu den schlamperten Büchern

S. Schmidtkes unsäglicher Aufsatz in der WdI

Kritik an Schmidtkes Herausgabe eines unsäglichen Buchs

Kritik an Krämers Geschichte Palästinas

Lob des Buches von el-Rouayheb

Kritik eines Artikels von el-Rouayheb

liwāṭ im fiqh (html)
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bei so viel Griechisch bleiben Fehler nicht aus. So nennt sie „Wenn der Himmel sich spaltet ... Wenn die Erde sich ebnet“ „Konditional­sätze (Protasis)“.
Dabei sind dies (a) Temporalsätze (Zeit-Nebensätze/Umstands­sätze der Zeit), (b) ist der Plural protases und (c) bezeichnet Protasis nicht den ganzen Bedingungs­satz, sondern nur die Bedingung bzw. den diese enthaltenden Nebensatz.

Oft benutzt sie „mantisch“, einmal ist von „spontan-mantischer Rede“ die Rede, obwohl Mantik für die durch das Studium mate­riel­ler Gegeben­heiten angestreb­te Ent­schleierung der Zukunft steht. – Im Gegen­satz zu der durch inneres Schauen (Pro­phe­tie) und gött­liche Ein­gebung bewirk­ten Weissagung ist Mantik die Vor­her­sage der Zukunft auf­grund mate­riel­ler Anzeichen: Ein­geweide­schau, Stern­deutung, Lose-Werfen, Karten­legen, Sand­lesen, Lampado­mantie, Hippomantie, Hydromantie, Pyromantie, Vogel­schau, die Deutung der gewor­fenen Lose, Würfel, Karten und die Befra­gung der Toten. Diese mehr der Zauberei sich nähernden, nicht eine freiwillige Offen­barung der höhern Wesen, sondern eine gewaltsame Auf­deckung des Schick­sals anstreben­den Methoden beruhen auf der Welt­anschau­ung der alten Baby­lonier, nach welcher die Welt nicht von einer Gott­heit will­kürlich regiert wird, sondern in ihrem Gang einer gesetz­mäßi­gen Vorher­bestim­mung folgt. Da alle Dinge der Welt unter­ein­ander und ins­beson­dere mit dem Menschen in Wechsel­wir­kung stehen, darf man die Gott­heit umgehen und aus Stand und Wechsel der Natur ersehen, welchen Gang das Welt- und Menschen­schick­sal nehmen wird. Dies meint die Autorin wohl (?) nicht, aber was sie meint, verrät sie nicht. Bei ihrem moder­nen Ansatz hat Muḥammad ja keine Psyche, seine Hörer sind nur noch „kulturiert“ ohne gesell­schaft­liche Stellung und ohne wirt­schaft­liche Probleme. Es liegt mir fern zu sagen: Muḥammad hatte epilep­tische Anfälle und seine ersten Anhänger waren randständig, schwach, verarmt. Ich will nur sagen, dass ich mir bei dieser alt­modi­schen Erzählung etwas vorstellen kann. Aber unter spontan-mantischen, pro­por­tionier­ten Suren und der Ver­hand­lung der Verkündigung mit den poli­kultu­rell-spät­antiken Hörern kann ich mir nichts vorstellen, weil ich zu dumm bin oder weil die Autorin zu schlau schreibt.

Kasus­endungen nennt sie tanwīn, meint aber Iʿrāb, eine Musik­ethnologin „Anthro­polo­gin“, und den griechisch-orthodoxen Journa­listen mit palästinesi­schem Flucht­hinter­grund Samir Kassir verwandelt sie in einen muslimi­scher Historiker.
Ich höre sie schon „abstrus!“ rufen, das hilft aber nicht.

Schauen wir uns einen NeuwirthSatz an – einen Satz wie alle ihre Sätze:
Was in der mittel­alterlich-christlichen Rezeption geschieht, wo am Portal goti­scher Kathedra­len die Figur der Synagoga, eine weib­liche Figur mit ver­bundenen Augen und zer­brochenem Stab, den ›Fall der Tafeln‹ symbo­lisiert, die dem mit der Figur alle­gorisch dar­gestell­ten Juden­tum buch­stäb­lich ent­gleiten und zu Boden fallen, wäre in islamischem Kontext nicht vorstellbar.

1.) Die Figur der Synagoga ist nicht „christlich“ sondern „west­europäisch“ – der­glei­chen sucht man in Serbien, Kerala, Äthio­pien, Armenien, dem ʿIrāq und Ągypten vergebens.
2.) Die Schreibung mit Anführungs­zeichen tut so, als sei ›Fall der Tafeln‹ ein ein­ge­führ­ter, all­gemein bekann­ter Begriff. Ich habe weder im Leben noch im Netz, weder bei Theo­logen noch bei Kunst­geschicht­lern einen gefunden, der den Begriff kennt.
3.) Da Moscheeportale selten mit Figuren, noch seltener mit mensch­lichen und schon gar nicht mit weib­lichen Figuren bestückt sind, ist die eigent­liche Satz­aussage eine Nullaussage.
4.) Schließlich muss sich das „die“ des letzten Nebensatzes auf Tafeln beziehen, obwohl diese in der Aussage, auf den sich der Nebensatz bezieht, gar nicht vorkommen; dort geht es ja um deren Fall.

Doch nicht nur ihre Sätze sind Ungetüme, auch einzelne Wörter gebraucht sie anders als üblich. Für „wonach gefragt wird“ schreibt sie „der hinter­fragte Gedanke“ – da sie in den 1970ern im Orient lebte, kennt sie das Verb „hinter­fragen“ wohl nicht in seiner Nach-1968er-Bedeu­tung, aber bei Suhr­kamp sollte es doch Lektoren geben, die sich damit auskennen.

Man sagt mir, bestimmt wolle die Verfasserin mit ihrem Bombast niemandem vom Betreten ihrer heiligen Auen abhalten, der Schwulst und die Schaum­schlägerei seien ihr halt zur zweiten Natur geworden. Oder noch wohl­wollender: Die will die Leser nicht weg­beiߟen, vielmehr zwinkert sie ihnen zu: Wir verstehen uns, sobald du mich gelesen hast, bist auch du ein Wissender. – Da muss ich leider sagen: Bei mir klappt das nicht. Ich bin so selbst­bewusst, dass wenn man mir groߟtönend die great narrative, dann eine Grand Narrative und auch noch die Great Narrative vorsetzt, und ich nicht sehe, was gemeint ist und es mir auch nicht gesagt wird, dann denke ich nicht, dass sie sich dabei schon was gedacht haben wird, sondern: Warum verrät mir das Luder denn nicht, um was es sich geht! Und wenn sie es mal so, mal so nennt, ist es kein Fach­aus­druck, den man nicht über­setzen kann, ohne damit die Ver­ständ­lich­keit unter Fach­idioten zu gefährden.
Wenn sie Serie und Cluster in einen Topf wirft, Szenario mit Szenerie, Schau­platz und Ausgangs­lage verwechselt oder „miss­verständ­lich“ statt „miss­verstehend“ schreibt, denk ich nur noch: Neuwirth. Jemand der „Grund­tenor“ schreibt, der soll doch gleich zum Gehör­Akusti­ker gehen oder auf den Djebel­MusaBerg – ganz ab­ge­sehen von der Ge­fahr, dass die Hälfte der Leser Ténor als Tenór liest.
„Frevel und Ver­leum­dung werden mit der Ver­nichtung des unbotmäßigen Volkes bezahlt.“ – Wer bezahlt hier wen womit?

Den Gipfelpunkt der Schamlosigkeit erreicht die BundesVerdienst­Kreuz­Trägerin auf Seite 176 des Groß-Werkes – und ich muss in diesem Fall die Seite angeben, denn ich erspare es dem Leser, die Ver­brechen vor­zuführen. Die Kreuz­Trägerin über­setzt hier ein Gedicht, das es nicht gibt und das sie fehler­haft um­schreibt, falsch – und ich zu­min­dest ver­stehe nicht einmal wozu.

Ein anderes Verbrechen sind die Wieder­holungen. Es macht der Verdienst­Kreuz­Träge­rin nichts aus, auf Gedanken zwanzig Mal oder öfters herum­zureiten. Minder­wichtiges bekommt der Leser dreimal:
„Estelle Whelan hat Nachrich­ten über Schreib­werk­stätten zur Her­stellung von Kodizes bekannt gemacht.“ (250)
„Whelan stellt Berichte zusammen, die auf eine Kopisten­werkstatt in Medina hindeuten.“ (252)
„Estelle Whelan hat aus historischen Quellen Nachrich­ten über Scriptoren in Medina erhoben.“ (257)
und auf einer Seite:
die „mit Ḥafs ʿan ʿĀṣim im Osten der arabischen Welt durch­gedrungene Textgestalt“
„die irakischen Leser, von denen einer mit Ḥafs ʿan ʿĀṣim im Osten zur Geltung gelangte“
„die Dominanz der mit Ḥafs ʿan ʿĀṣim im islamischen Osten“ (261)

Mehrmals schreibt sie, dass die Suren der Länge nach ange­ordnet seien. Danach müsste Sure 3 kürzer sein als Sure 2, Sure 4 kürzer als Sure 3, Sure 5 kürzer als die davor usw. Das ist aber in mehr als einem Drittel der Suren­paare nicht der Fall:
Da Vieles in diesem Buch nicht stimmt, traue ich der Autorin zu, dass sie noch ange­sichts der Fakten sagt: „Dieser pedan­tische Vorwurf ist abtrus. Genau das habe ich doch sagen wollen, dass die Surenlänge im Großen und Ganzen abnimmt.“ – Sage ich: Gewollt viel­leicht, aber nicht getan.

Erdkunde
Der Text wurde in der Forschung lange auf eine Handels­ver­eini­gung der Mekkaner mit den umgebenden Stämmen gedeutet, die eine Winter­reise nach Jemen, Abessinien, Irak, und eine Sommer­reise nach Syrien vorsah
– Reise nach Jemen oder in den Jemen?
– Reise nach Jemen und Irak – liegt das auf der Strecke?
– Reise nach Äthiopen? – in Wirklichkeit in den Jemen, wo man auch Waren ḥaḍra­mau­ti­schen, ẓofari­schen und äthiopi­schen Ursprungs kaufen konnte und wohin man auch Waren brachte, die weiterverkauft wurden.

Einen Punkt für das schöne Format, einen für die Garamond als Brot­schrift, der aber wegen der unleserlichen Kursive gleich wieder abgezogen werden muss. Die verwendete Kursivschrift ist zwar um einen üblichen Fehler bereinigt (Groߟ- und Klein­buchstaben haben den gleichen Neigungs­winkel), aber b und h sind kaum zu unterscheiden, was bei unbekannten, fremd­sprachigen Begriffen unentschuldbar ist; und da Buchstaben mit Unterpunkten (ṣ, ṭ, ḍ, ẓ) vorkommen, sind Schwung­schwänze, die bis weit unter die Nachbar­buchstaben reichen, fehl am Platz. Für die Umschrift gibt es einen Minuspunkt, weil es die angelsächsische und nicht die deutsche ist; einen Abzug, weil in ihr keine 1:1-Ent­sprechung vorliegt (ihr l muss auf 15 ver­schiedene Weisen aus­gesprochen werden, ihr h hat fünf Funktionen), und zwei Punkte Abzug, weil nirgends erklärt wird, dass ā, ī, ū lang zu sprechen sind, dass Doppelung des Konsonan­ten den Vokal davor nicht verkürzt, sondern als zwei Konsonanten zu sprechen ist (umm also mit über­langen m und nicht mit einem gekürzten u), und dass g, b, d am Wort­ende nicht (wie im Deutschen) wie k, p, t klingen.


Dass Neuwirth auch über Sachverhalte schreibt, von denen sie keine Ahnung hat, zeigt sie auf S.248: „daߟ die [surenöffnenden] Buchstaben mit den 14 (Kon­sonaten-)Buch­staben­formen des arabischen Alphabets, ohne die durch Zusatz­zeichen aus ihnen abge­leiteten 14 weiteren, identisch sind.“ Das ist mehrfach falsch.
– Ohne Diakritika gibt es nicht 14 sondern 18 Buchstaben, wenn man fāʾ und qāf, sowie bāʾ, nūn und yāʾ einzeln zählt, weil sie ja am Wortende klar unterschieden sind.
– Betrachtet man aber nur Anfangs- und Mitteformen, zählt man [zumindest ich] immer noch 15.
Dass sie aber überhaupt nicht weiߟ, wovon sie spricht, erkennt man daran, dass Neuwirth
– von „Buchstaben­formen“ spricht, womit die kontext­abhängigen Formen – fach­sprach­lich Glyphen – gemeint sind, und von denen gibt es weit mehr als 14.
Schlieߟ­lich habe ich einen Einschub weg­gelassen, der schon für sich allein zeigt, dass die Autorin NULL Ahnung hat; sie sagt nämlich, all dies gelte nur „bei Voraus­setzung der kufischen Schrift“.
– Es gibt keine kufische Schrift, sondern nur den kufischen Stil der arabischen Schrift.
– Es gibt keinen guten Grund, den kufischen Duktus bei ihren Erörterungen zugrunde zu legen, weil – wie ihr Rechnerprogramm auf S.250 – schreibt, „zunächst“ der Ḥiǧāzī-Stil „eingesetzt“ wurde. Es ist auch noch Extra-Quatsch in Bezug auf die geheimnis­vollen Buchstaben: Es stimmt gar nicht, dass alle diakritika­losen Buchstaben als solche verwendet werden:
– wāu und dāl fehlen (und in gewisser Weise auch bāʾ und fāʾ; wenn man die allein – wie ṣād, qāf und nūn - oder am Ende einer Buch­staben­gruppe ver­wendet, sind sie ja auch ohne Punkte von anderen unter­scheidbar).
Sehr schön auch auf dieser Seite die Fuߟnote 43. Neuwirth beruft sich auf einen Vortrag, der zum Zeitpunkt der Auslieferung des Bandes noch gar nicht gehalten war.

Ich weiß: die meisten werden mir darin nicht folgen. Ich will aber trotzdem eine Lanze brechen für deutsche Wörter. Warum nicht Menschlichkeit statt Humanität?
Warum nicht Abstand statt Distanz?
Warum nicht Versagung statt Frustration? „Versagung“ ist der Freudsche Begriff, „frustration“ die englische Übersetzung.
Warum nicht Volksherrschaft?
Warum nicht Umwälzung und Aufstand statt Revolution und Revolte?
Ganz sicher „Massenmord“ und nicht „GanzBrand“ oder „großes Unglück“.
Ich weiß. Manchmal lassen sich Menschen deutsche Wörter aus ideologischen Gründen einfallen – Bürgersteig und Bahnsteig für trottoir und perron. Aber die falschen Motive machen die Wörter noch lange nicht schlecht.
Kann Neuwirth Koran?


ein Wort welche Stütze, Stab, Riegel, Balken, Pfosten, Bollwerk usw. heißt,
als ZELTpflock verkauft (647), nur um so die „offensichtliche“, „unleugnare“ Abh&auuml;ngigkeit von den sp&auuml;tantiken Psalmen ins Relief zu heben.

AN's Behauptung oben auf S.26, dass die Du-Anrede „über den gesamten Text durchgehalten“ ist nicht richtig,

Noch was ganz anderes: Zweimal sagt sie, Muhammad -- ich meine den Verkünder -- habe im Gegensatz zu den kuhhân kein Geld genommen. Vermutlich hat sie 58:13 übersehen.

„ “ “ ” ʾ ʿ a ä Ä ā Ā æ e ē Ē ĕ Ĕ ə Ə ð Ð i ī Ī ı İ ĭ Ĭ u ü Ü ū Ū ŭ Ŭ
o ö Ö ō Ō ŏ Ŏ s ṣ Ṣ š Š Š t ṭ Ṭ ṯ Ṯ d ḍ Ḍ ḏ Ḏ
h ḥ Ḥ x ḫ Ḫ g ġ Ġ j ǧ Ǧ c č Č ç Ç Ç b ḇ Ḇ n ñ Ñ z ẓ Ẓ ž Ž â Ê ≈ ≠ ≡ ⇒ ⇓



Für Arabischkundige: Im Original steht da „iḏā“, was „wenn etwas (plötzlich) eintritt“ bedeutet.






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Im Deutschen wird unter „Anthro­pologie“ in erster Linie die natur­wissen­schaft­liche oder physische Anthro­pologie ver­standen. Der Mensch wird im Anschluss an Darwin (1809–1882) und die Evolu­tions­theorie genetisch-biologisch als ein rein natürliches Wesen aufgefasst.
Dieser rein naturalisti­schen Betrach­tung des Menschen ste­hen ver­schie­dene nicht-na­tu­ra­listi­sche Ansätze ent­gegen, z.B. unter dem Begriff der philo­so­phi­schen Anthro­po­logie. Nach eini­gen dieser Lehren soll sich der Mensch von anderen Orga­nis­men quali­tativ unter­schei­den durch seine Persona­li­tät, das heißt die rela­tive Ent­schei­dungs­freiheit und die Möglich­keit zur Selbst­bestimmung. (Wikipedia) Eine bekannter deutscher Anthropologe ist Dr. Mengele.




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