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Angelika Neuwirth, FU-Ober-Arabistin,
hat das ProÖmium ante Opum Magnum vorgelegt (oder auf Deutsch: den Auftakt zum Karriere krönenden Werk): Der Koran als Text der
Spätantike. Ein europäischer Zugang, der nullte
Band zu dem – insgesamt sechsbändigen – Handkommentar zum Koran. Tilman
Nagel hat das Buch in der NZZ gewürdigt und bei
Amazon.de ist eine recht informative
Kundenrezension erschienen. Deshalb werde ich hier
meine persönliche Steckenpferde reiten: Logik,
Fremdwörter, Erdkunde und arabische Schrift. – Auf vielfachen Wunsch habe ich mich doch noch aufgerafft, eine Kritik des Buches als Ganzes zu schreiben, obwohl ich der Ansicht bin, dass es in einem Werk, in dem so gut wie kein Satz einwandfrei ist, gar nicht mehr darauf ankommt, ob der Autor etwas Vernünftiges sagen wollte.
Neuwirths Logik erschließt sich mir manchmal nicht:
„zwei Prinzipien für die Deutung des
Konsonantentextes [sind] Sprachgenauigkeit und
Vereinbarkeit mit dem Konsonantentext“ (253)
– Im Gegensatz zu Neuwirth lieben muslimische Gelehrte
Genauigkeit: Wenn sie Bedingungen meinen, sagen sie
nicht „Prinzipien“ oder „Grundsätze“, sondern „Bedingungen“.
– Wenn es um die Auslegung von Etwas geht, verlangen sie
nicht als Bedingung, dass dieses Etwas mit sich „vereinbar“
ist – das setzen sie als selbstverständlich voraus.
Neuwirth sagt etwas wie: Damit ein Automobil ein Automobil
ist, muss es prinzipiell vier Räder haben
und ein Automobil sein.
(Nebenbei: „Deutung“ ist etwas unklar. Es geht um die Realisierung, die Lesung, die Umsetzung von Geschriebem in Gesprochenes – derlei nennt Neuwirth sonst performance.)
„typologisch markante Anfangsteile literarischer
Kompositionen einer gemeinsamen Gattung [haben] nicht
selten eine über ihren individuellen Aussagewert
hinausreichende Bedeutung für die Gesamtstruktur, wie
innerhalb der vorkoranischen Literatur der Anfangsteil
der altarabischen Qaside, nasīb, klar beweist.“
(284)
a) vorkoranisch ≈ altarabisch – Neuarabisches hat es
vor dem Koran nicht gegeben.
b) dass etwas „nicht selten“ der Fall ist, kann nicht
„klar“ bewiesen werden, da „nicht selten“ eine unklare Maßeinheit ist.
c) Der nasīb beweist gar nichts. Neuwirth will
sagen: Dass der nasīb xy ist, beweist YZ.
d) Aber auch dies ist Quatsch; das wäre allenfalls ein
Beispiel für YZ und kein Beweis.
„Angesichts der nicht gesicherten Überlieferung der
wenigen bisher gesammelten Aussprüche der kuhhān,
der Seherreden, kann der Vergleich selbst nicht
überprüft werden“ (285) – Da weit und breit keine
Vergleiche erwähnt werden, die Neuwirth überprüfen
könnte, und da sie sich nur selten genau ausdrückt, vermute ich,
dass sie mit „Vergleiche überprüfen“ schlicht
„vergleichen“ meint. Dann stimmt aber die Aussage nicht.
Natürlich kann man die Schwüre vergleichen (und, wenn man das will, den Vergleich überprüfen).
Ob die außerkoranischen Schwüre wirklich alle
vorkoranisch sind oder einige nachkoranisch,
spielt für den Vergleich nicht die geringste Rolle –
allenfalls für mögliche Schlussfolgerungen aus dem
Vergleich.
Übrigens geht Neuwirth weiter hinten im Buch des Öfteren
von einer Ähnlichkeit zwischen Seher-Rede und frühen
Suren(-teilen) aus, was man ja nur machen kann, wenn man beides
miteinander verglichen hat – ein Hinweis darauf, dass
dieses Buch, ganz wie der Koran laut Neuwirth, gar keinen „Autor“ hat. Wahrscheinlich hat ein RechnerProgramm ihre Festplatte nach Koranischem abgesucht, abgemischt und es zum Druck gegeben; es wirkt jedenfalls wie Reste- und Zweit-Verwertung. So kam es wohl dazu, dass in dem Werk
ʿĀṣim zweimal stirbt: auf Seite 30 im Jahre 128 und 228 Seiten
später im Jahre 127.
Einen Logikfehler anderer Art begeht sie mehrmals. Sie nennt frühe Textschnipsel (etwa auf Münzen), die so (oder ganz ähnlich) im Koran vorkommen, „Koranzitate“, folgert daraus, dass der (ganze) Koran damals schon fixiert war, und hält dies für ein Argument gegen Wansbrough & Co. Ist es aber nicht. In Wansbrough's Sicht
wurde der Koran später aus zirkulierenden Texten und Sprüchen zusammengestellt. Danach wären es nicht „Zitate“, sondern später in den Koran eingegangenes Material.
Inhaltlich mag sie recht haben, logisch ist es falsch.
Besonders stören mich die Fremdwörter, nicht weil ich teutonisch eingestellt bin, sondern weil ich durchsichtige Wörter liebe, solche die man (fast) von allein versteht: Turmuhr, Taschenuhr, Taschentuch, Badetuch, Bademantel, Ummantelung, UmweltVerschmutzung, Schallplattenspieler. Könnten die meisten Deutschen so viel Griechisch und Latein, dass sie die ihnen hier vorgesetzten Wörter nicht nur als Ausweis der Gelehrsamkeit erkännten, sondern sie auch durchschauten, dann hätte ich nichts dagegen. Aber wer weiß denn, dass orthodox von ortho=recht und doxa=Meinung kommt (also rechtgläubig heißt), Doxologie aber von doxa=Majestät und logos=Wort und Lobpreis (die Majestät preisendes Wort) bedeutet? Warum verwendet Neuwirth
nicht die verständlichen Wörter „rechtgläubig“ und „Lobpreis“?
Meine Argumente gegen undurchsichtige und/oder falsche Fremdwörter richten sich natürlich nicht nur gegen Neuwirth, sondern die Mehrheit der Zunft.
Wenn es um einen antiken lateinischen oder griechischen Text geht,
stört es mich nicht, dass man von der Figur des Merismos
(auch distributio) redet. Der Gräzist weiß ja, dass es
„Verteilung“ heißt und damit die Nennung des Ganzen
und dann von Teilen davon gemeint ist: „Das Heer eroberte die Stadt“, – das Ganze – „ihre Mauern und Gräben, ihre Straßen und Plätze, ihre Häuser und Tempel.“
Dass die Aufzählung der Teile nicht erschöpfend,
sondern beispielhaft ist, weiß der Gräzist. So weit so gut.
Kommt aber ein Bibelkundler einher und nennt das biblische „von
Dan bis Be'erscheva“ oder „von Kopf bis Fuß“ statt mit einem hebräischen oder einem deutschen Ausdruck, mit dem griechischen Wort, das etwas anderes bezeichnet, dann graut es mir.
Und kommt dann ein Arabist daher und benennt
etwas Drittes, einen „polaren Ausdruck“ (dick und dünn, groß und klein), mit demselben griechischen Wort,
obwohl hier gar nichts verteilt wird, dann ist es dumm
und angeberisch. Und wenn der Begriff benutzt wird, sowohl für
Begriffe, die nur sich selbst bezeichnen (Himmel und Hölle), als auch
für solche, die alles Dazwischenliegende einschließen (Berg und Tal, Rektor und Erstsemestler), dann ist man auf NN (Neuwirth-Niveau) angelangt.
Es ist aber nicht nur so, dass Frau Professor im Jargon ersäuft
und damit den Unberufenen klar macht, dass sie in den hehren Gefilden
der Akademie nichts verloren haben, sie macht bei ihrem Angebertanz
auch falsche Schritte: fait accompli heißt wörtlich
„abgeschlossene Tat“, bedeutet aber im Deutschen
„vollendete Tatsachen“,
mit denen man jemanden überrumpelt, etwa ihn vor die Wahl stellt, anzunehmen oder abzulehnen „wie es ist“ – es mitzugestalten ist nicht mehr möglich.
Wieder und wieder sagt sie, der Korantext sei ein fait accompli, so
als habe der Kalif Uthmān – oder ein anderer Kanoniker (oder wie heißt das?) – die
Gemeinde der Muslime mit einem hinter deren Rücken zusammengestellten Kodex
überrumpelt, meint aber wohl (?) nur, dass der Text „fertig, abgeschlossen“ sei.
Ein Beispiel für, dass ihr RechnerProgramm noch nicht vollkommen ist:
Erst nennt sie – wie 1991 in einem Aufsatz – den zweiten Vers der zweiten Sure („Alif Lām Mīm. Das [der Koran] ist die Schrift“) „dieses incipit“ (146), doch später weist sie auf eine andere Lesung; „Alif Lām Mīm. Jene [himmlische] Schrift“, womit es kein Incipit wäre.
Natürlich erklärt sie den lateinischen Begriff nicht.
Er hat eine GrundBedeutung und eine abgeleitete Bedeutung:
1.) ein Kapital am Anfang eines Textes, das mit „incipit“ (es beginnt) anfängt (oder mit einer volkssprachlichen Entsprechung wie „Hie hebt sich an ...“ oder “Heere bigynneth ...”),
2.) die ersten Worte (oder auch das erste), wenn es zur Bezeichnung des ganzen Textes dient (Beispiele: BeRischit, Gloria, Salve Regina, Miserere, Ṣād, TāHā, YāSīn ... Mit brennender Sorge, Pacem in terris, Humanae Vitae ...)
Im zweiten Sinn kann sie es nicht meinen, weil die Sure weder mit „Baqara“ (ihrem Namen) noch mit Koran (dem Namen des Ganzen) anfängt. Sie muss es in der GrundBedeutung meinen; das ist aber nicht erst falsch, seit sie Madigan und Sinai gelesen hat und seither davon ausgeht, dass mit „kitāb“ an dieser Stelle nicht die hier beginnende Schrift, der Koran, gemeint ist, sondern die Schrift im Himmel. Es war auch schon auf Seite 146 falsch, weil die Sure gar nicht mit „Dies ist die Schrift“ anhebt, sondern mit „Im Namen Gottes ...“ und dann noch „Alif Lām Mīm“ kommt. Dies Problem übergeht sie einfach. Wohl wahr, dass „die Wissenschaft“ davon ausgeht, dass die frühen Suren erst ohne die Basmala („Im Namen Gottes ...“) anfingen, aber Baqara gehört nicht zu den frühen Suren. Und dann noch die geheimnisvollen Buchstaben. Da es sich nur sehr bedingt um ein Incipit handelt, wäre es vielleicht auch ganz ohne das lateinische Wort gegangen – doch nicht mit Neuwirth!
Auf den ersten Blick weniger störend sind arabische Wörter für arabische Sachverhalte, etwa ʿunwān für den Surentitel. Aber warum?
Auf Deutsch haben wir Sure, Surenname, Surentitel, und wenn das nicht reicht, Surentitelei. – Der Name dient der Nennung, so wie bei westlichen Islamwissenschaftlern die Nummer (Sure 2 heißt al-Baqara), der Titel steht in einem Kodex vor der Sure – in den extrem seltenen Fällen, wo er nach der Sure steht, muss das gesagt werden. Titelei könnte man ein Schmuckkästchen mit Surenname, Surenreihenfolge, Offenbarungsort und Versanzahl nennen, man könnte das aber auch Titelkasten nennen oder ʿunwān. Ich hätte nur gern eine Ansage.
Ich weiß: Bewohner des Elfenbeinturmes, die selbst gern die Zugbrücke
zu ihrem Mauerzimmer hochziehen, stört das nicht. Allein, dass ich derlei bemerke, zeigt ihnen, dass ich nicht dazugehöre.
Tropen wie Paronomasien,
Parallelismen und eine chiastische Konstruktion deuten auf frühe
Komposition und Synergismus. Epistemische Implikation der
Dechiffrierung des codierten Enigmas primordialer Schöpfung im
Spannungsfeld zwischen Protologie und Eschatologie figurieren
als locus classicus überhaupt von hermeneutischer Valenz mit polemisch-paränetischer Emblematik und
ephemere Nahdeixis. Das kerygmatisches
Derivat evoziert die Prozessualität appellatorischer Sektionen und wird mitunter als okkasionell
pagan ins Relief gesetzt. Die Ätiologie mündet in eine explizit gemachte Aporie und dem Moment der persuasio eignet
antithetische
Lektüre, Ektenie und triumphale Affirmation – und das alles ohne Erklärung – weder im Text noch in einer VerdeutschungsListe.
Und wenn doch mal ein Wort
erklärt wird, dann nicht beim ersten Mal, wo Neuwirth es gebraucht, sondern später – in der Hoffnung, dass der Leser das Buch bis dahin (im Glauben, dass der Inhalt ganz toll sein müsse) aus der Hand gelegt hat? Erst schreibt sie „Konkatenation“, ohne es zu erklären, zwei Seiten später: „wieder durch Konkatenation, d.h. durch die Verkettung von Reim- und Anfangswort zweier aufeinanderfolgender Verse“. Warum nicht ganz auf das Fremdwort verzichten und beim ersten Mal „Verkettung, d.h. Wiederholung des letzten Wortes eines Verses am Anfang des nächsten“ und beim zweiten Mal „Verkettung“ benutzen?
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Das Proömium,
(lateinisch aus altgriechisch prooimion;
deutscher Plural Proömien: Vor-dem-Lied = Vorangestelltes) ist seit
der Antike ein einführendes Kapitel, ein Vorwort von
Dichtungen. In der byzantinischen Diplomatik ist es die
Bezeichnung für die Arenga (nicht bindende
Einleitung einer Urkunde, PräAmbel) Man unterscheidet:
a) Proömien praeter rem, die mit dem folgenden
Werk in keiner Verbindung stehen,
b) Proömien ante rem, die Einleitungen zum folgenden
Werk. Übliche Bestandteile eines solchen Proömiums
sind die Nennung des zu besingenden Stoffes, eine
kurze Inhaltsangabe, die Anrufung
einer übergeordneten Macht mit Bitte um Inspiration und
Hilfe, der Grund für die Abfassung des
Werkes, und schließlich die Bitte um das Wohlwollen der Hörer bzw. Leser.
Typisch für die gedankenlose Art der Autorin. Weil sie sich ja auskennt, sieht sie nicht, dass sie sich missverstädlich ausdrückt.
„der ... Aussprüche der kuhhān, der Seherreden“
Das sieht so aus: kuhhān = Seherreden,
richtig ist aber: kuhhān = Seher.
Hätte sie geschrieben:
„der Seherreden, der Aussprüche der kuhhān“
wäre alles klar. Aber noch besser wäre: „der Seherreden“.
L e i t s e i t e
Brief an den Beck-Verlag zu den
schlamperten Büchern
S. Schmidtkes unsäglicher Aufsatz in der
WdI
Kritik an Schmidtkes Herausgabe eines unsäglichen Buchs
Kritik an Krämers Geschichte
Palästinas
Lob des Buches von el-Rouayheb
Kritik eines Artikels von el-Rouayheb
liwāṭ im fiqh (html)
L e i t s e i t e
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L e i t s e i t e
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Bei so viel Griechisch bleiben Fehler nicht aus. So nennt sie „Wenn der Himmel sich spaltet ... Wenn die Erde sich ebnet“ „Konditionalsätze (Protasis)“.
Dabei sind dies (a) Temporalsätze (Zeit-Nebensätze/Umstandssätze der Zeit), (b) ist der Plural protases und (c) bezeichnet Protasis nicht den ganzen Bedingungssatz, sondern nur die Bedingung bzw. den diese enthaltenden Nebensatz.
Oft benutzt sie „mantisch“, einmal ist von „spontan-mantischer Rede“ die Rede, obwohl Mantik für die durch das Studium materieller Gegebenheiten angestrebte Entschleierung der Zukunft steht. – Im Gegensatz zu der durch inneres Schauen (Prophetie) und göttliche Eingebung bewirkten Weissagung ist Mantik die Vorhersage der Zukunft aufgrund materieller Anzeichen: Eingeweideschau, Sterndeutung, Lose-Werfen, Kartenlegen, Sandlesen, Lampadomantie, Hippomantie, Hydromantie, Pyromantie, Vogelschau, die Deutung der geworfenen Lose, Würfel, Karten und die Befragung der Toten. Diese mehr der Zauberei sich nähernden, nicht eine freiwillige Offenbarung der höhern Wesen, sondern eine gewaltsame Aufdeckung des Schicksals anstrebenden Methoden beruhen auf der Weltanschauung der alten Babylonier, nach welcher die Welt nicht von einer Gottheit willkürlich regiert wird, sondern in ihrem Gang einer gesetzmäßigen Vorherbestimmung folgt. Da alle Dinge der Welt untereinander und insbesondere mit dem Menschen in Wechselwirkung stehen, darf man die Gottheit umgehen und aus Stand und Wechsel der Natur ersehen, welchen Gang das Welt- und Menschenschicksal nehmen wird. Dies meint die Autorin wohl (?) nicht, aber was sie meint, verrät sie nicht. Bei ihrem modernen Ansatz hat Muḥammad ja keine Psyche, seine Hörer sind nur noch „kulturiert“ ohne gesellschaftliche Stellung und ohne wirtschaftliche Probleme.
Es liegt mir fern zu sagen: Muḥammad hatte epileptische Anfälle und seine ersten Anhänger waren randständig, schwach, verarmt. Ich will nur sagen, dass ich mir bei dieser altmodischen Erzählung etwas vorstellen kann. Aber unter spontan-mantischen, proportionierten Suren und der Verhandlung der Verkündigung mit den polikulturell-spätantiken Hörern kann ich mir nichts vorstellen, weil ich zu dumm bin oder weil die Autorin zu schlau schreibt.
Kasusendungen nennt sie tanwīn, meint aber Iʿrāb, eine Musikethnologin „Anthropologin“, und den griechisch-orthodoxen Journalisten mit palästinesischem Fluchthintergrund Samir Kassir verwandelt sie in einen muslimischer Historiker.
Ich höre sie schon „abstrus!“ rufen, das hilft aber nicht.
Schauen wir uns einen NeuwirthSatz an – einen Satz wie alle ihre Sätze:
Was in der mittelalterlich-christlichen Rezeption geschieht, wo am Portal gotischer Kathedralen die Figur der Synagoga,
eine weibliche Figur mit verbundenen Augen und zerbrochenem Stab, den ›Fall der Tafeln‹ symbolisiert, die dem mit der Figur allegorisch dargestellten Judentum buchstäblich entgleiten und zu Boden fallen,
wäre in islamischem Kontext nicht vorstellbar.
1.) Die Figur der Synagoga ist nicht „christlich“ sondern „westeuropäisch“ – dergleichen sucht man in Serbien, Kerala, Äthiopien, Armenien, dem ʿIrāq und Ägypten vergebens.
2.) Die Schreibung mit Anführungszeichen tut so, als sei ›Fall der Tafeln‹ ein eingeführter, allgemein bekannter Begriff. Ich habe weder im Leben noch im Netz, weder bei Theologen noch bei Kunstgeschichtlern einen gefunden, der den Begriff kennt.
3.) Da Moscheeportale selten mit Figuren, noch seltener mit menschlichen und schon gar nicht mit weiblichen Figuren bestückt sind, ist die eigentliche Satzaussage eine Nullaussage.
4.) Schließlich muss sich das „die“ des letzten Nebensatzes auf Tafeln beziehen, obwohl diese in der Aussage, auf den sich der Nebensatz bezieht, gar nicht vorkommen;
dort geht es ja um deren Fall.
Doch nicht nur ihre Sätze sind Ungetüme, auch einzelne Wörter gebraucht sie anders als üblich. Für „wonach gefragt wird“ schreibt sie „der hinterfragte Gedanke“ – da sie in den 1970ern im Orient lebte, kennt sie das Verb „hinterfragen“ wohl nicht in seiner Nach-1968er-Bedeutung, aber bei Suhrkamp sollte es doch Lektoren geben, die sich damit auskennen.
Man sagt mir, bestimmt wolle die Verfasserin mit ihrem Bombast niemandem vom Betreten ihrer heiligen Auen abhalten, der Schwulst und die Schaumschlägerei seien ihr halt zur zweiten Natur geworden. Oder noch wohlwollender: Die will die Leser nicht wegbeißen, vielmehr zwinkert sie ihnen zu: Wir verstehen uns, sobald du mich gelesen hast, bist auch du ein Wissender. – Da muss ich leider sagen: Bei mir klappt das nicht. Ich bin so selbstbewusst, dass wenn man mir großtönend die great narrative, dann eine Grand Narrative und auch noch die Great Narrative vorsetzt, und ich nicht sehe, was gemeint ist und es mir auch nicht gesagt wird, dann denke ich nicht, dass sie sich dabei schon was gedacht haben wird, sondern: Warum verrät mir das Luder denn nicht, um was es sich geht! Und wenn sie es mal so, mal so nennt, ist es kein Fachausdruck, den man nicht übersetzen kann, ohne damit die Verständlichkeit unter Fachidioten zu gefährden. Wenn sie Serie und Cluster in einen Topf wirft, Szenario mit Szenerie, Schauplatz und Ausgangslage verwechselt oder „missverständlich“ statt „missverstehend“ schreibt, denk ich nur noch: Neuwirth. Jemand der „Grundtenor“ schreibt, der soll doch gleich zum GehörAkustiker gehen oder auf den DjebelMusaBerg – ganz abgesehen von der Gefahr, dass die Hälfte der Leser Ténor als Tenór liest. „Frevel und Verleumdung werden mit der Vernichtung des unbotmäßigen Volkes bezahlt.“ – Wer bezahlt hier wen womit?
Den Gipfelpunkt der Schamlosigkeit erreicht die BundesVerdienstKreuzTrägerin auf Seite 176 des Groß-Werkes – und ich muss in diesem Fall die Seite angeben, denn ich erspare es dem Leser, die Verbrechen vorzuführen. Die KreuzTrägerin übersetzt hier ein Gedicht, das es nicht gibt und das sie fehlerhaft umschreibt, falsch – und ich zumindest verstehe nicht einmal wozu.
Ein anderes Verbrechen sind die Wiederholungen. Es macht der VerdienstKreuzTrägerin nichts aus, auf Gedanken zwanzig Mal oder öfters herumzureiten. Minderwichtiges bekommt der Leser dreimal:
„Estelle Whelan hat Nachrichten über Schreibwerkstätten zur Herstellung von Kodizes bekannt gemacht.“ (250)
„Whelan stellt Berichte zusammen, die auf eine Kopistenwerkstatt in Medina hindeuten.“ (252)
„Estelle Whelan hat aus historischen Quellen Nachrichten über Scriptoren in Medina erhoben.“ (257)
und auf einer Seite:
die „mit Ḥafs ʿan ʿĀṣim im Osten der arabischen Welt durchgedrungene Textgestalt“
„die irakischen Leser, von denen einer mit Ḥafs ʿan ʿĀṣim im Osten zur Geltung gelangte“
„die Dominanz der mit Ḥafs ʿan ʿĀṣim im islamischen Osten“ (261)
Mehrmals schreibt sie, dass die Suren der Länge nach angeordnet seien. Danach müsste Sure 3 kürzer sein als Sure 2, Sure 4 kürzer als Sure 3, Sure 5 kürzer als die davor usw. Das ist aber in mehr als einem Drittel der Surenpaare nicht der Fall:
Da Vieles in diesem Buch nicht stimmt, traue ich der Autorin zu, dass sie noch angesichts der Fakten sagt: „Dieser pedantische Vorwurf ist abtrus. Genau das habe ich doch sagen wollen, dass die Surenlänge im Großen und Ganzen abnimmt.“ – Sage ich: Gewollt vielleicht, aber nicht getan.
Erdkunde
Der Text wurde in der Forschung lange auf eine Handelsvereinigung der Mekkaner mit den umgebenden Stämmen gedeutet, die eine Winterreise nach Jemen, Abessinien, Irak, und eine Sommerreise nach Syrien vorsah
– Reise nach Jemen oder in den Jemen?
– Reise nach Jemen und Irak – liegt das auf der Strecke?
– Reise nach Äthiopen? – in Wirklichkeit in den Jemen,
wo man auch Waren ḥaḍramautischen, ẓofarischen und
äthiopischen Ursprungs kaufen konnte und wohin man auch
Waren brachte, die weiterverkauft wurden.
Einen Punkt für das schöne Format, einen für die Garamond als Brotschrift, der aber wegen der unleserlichen Kursive gleich wieder abgezogen werden muss. Die verwendete Kursivschrift ist zwar um einen üblichen Fehler bereinigt (Groß- und Kleinbuchstaben haben den gleichen Neigungswinkel), aber b und h sind kaum zu unterscheiden, was bei unbekannten, fremdsprachigen Begriffen unentschuldbar ist; und da Buchstaben mit Unterpunkten (ṣ, ṭ, ḍ, ẓ) vorkommen, sind Schwungschwänze, die bis weit unter die Nachbarbuchstaben reichen, fehl am Platz. Für die Umschrift gibt es einen Minuspunkt, weil es die angelsächsische und nicht die deutsche ist; einen Abzug, weil in ihr keine 1:1-Entsprechung vorliegt (ihr l muss auf 15 verschiedene Weisen ausgesprochen werden, ihr h hat fünf Funktionen), und zwei Punkte Abzug, weil nirgends erklärt wird, dass ā, ī, ū lang zu sprechen sind, dass Doppelung des Konsonanten den Vokal davor nicht verkürzt, sondern als zwei Konsonanten zu sprechen ist (umm also mit überlangen m und nicht mit einem gekürzten u), und dass g, b, d am Wortende nicht (wie im Deutschen) wie k, p, t klingen.
Dass Neuwirth auch über Sachverhalte schreibt, von denen sie keine Ahnung hat, zeigt sie auf S.248:
„daß die [surenöffnenden] Buchstaben mit den 14 (Konsonaten-)Buchstabenformen des arabischen Alphabets, ohne die durch Zusatzzeichen aus ihnen abgeleiteten 14 weiteren, identisch sind.“
Das ist mehrfach falsch.
– Ohne Diakritika gibt es nicht 14 sondern 18 Buchstaben, wenn man fāʾ und qāf, sowie bāʾ, nūn und yāʾ einzeln zählt, weil sie ja am Wortende klar unterschieden sind.
– Betrachtet man aber nur Anfangs- und Mitteformen, zählt man [zumindest ich] immer noch 15.
Dass sie aber überhaupt nicht weiß, wovon sie spricht, erkennt man daran, dass Neuwirth
– von „Buchstabenformen“ spricht, womit die kontextabhängigen Formen – fachsprachlich Glyphen – gemeint sind, und von denen gibt es weit mehr als 14.
Schließlich habe ich einen Einschub weggelassen, der schon für sich allein zeigt, dass die Autorin NULL Ahnung hat; sie sagt nämlich, all dies gelte nur „bei Voraussetzung der kufischen Schrift“.
– Es gibt keine kufische Schrift, sondern nur den kufischen Stil der arabischen Schrift.
– Es gibt keinen guten Grund, den kufischen Duktus bei ihren Erörterungen zugrunde zu legen, weil – wie ihr Rechnerprogramm auf S.250 – schreibt, „zunächst“ der Ḥiǧāzī-Stil „eingesetzt“ wurde.
Es ist auch noch Extra-Quatsch in Bezug auf die geheimnisvollen Buchstaben: Es stimmt gar nicht, dass alle diakritikalosen Buchstaben als solche verwendet werden:
– wāu und dāl fehlen (und in gewisser Weise auch bāʾ und fāʾ; wenn man die allein – wie ṣād, qāf und nūn - oder am Ende einer Buchstabengruppe verwendet, sind sie ja auch ohne Punkte von anderen unterscheidbar).
Sehr schön auch auf dieser Seite die Fußnote 43. Neuwirth beruft sich auf einen Vortrag, der zum Zeitpunkt der Auslieferung des Bandes noch gar nicht gehalten war.
Ich weiß: die meisten werden mir darin nicht folgen. Ich will aber trotzdem eine Lanze brechen für deutsche Wörter.
Warum nicht Menschlichkeit statt Humanität?
Warum nicht Abstand statt Distanz?
Warum nicht Versagung statt Frustration? „Versagung“ ist der Freudsche Begriff, „frustration“ die englische Übersetzung.
Warum nicht Volksherrschaft?
Warum nicht Umwälzung und Aufstand statt Revolution und Revolte?
Ganz sicher „Massenmord“ und nicht „GanzBrand“ oder „großes Unglück“.
Ich weiß. Manchmal lassen sich Menschen deutsche Wörter aus ideologischen Gründen einfallen –
Bürgersteig und Bahnsteig für trottoir und perron. Aber die falschen Motive machen die Wörter noch lange nicht schlecht.
Kann Neuwirth Koran?
ein Wort welche Stütze, Stab, Riegel, Balken, Pfosten, Bollwerk usw. heißt,
als ZELTpflock verkauft (647), nur um so die
„offensichtliche“, „unleugnare“ Abh&auuml;ngigkeit
von den sp&auuml;tantiken Psalmen ins Relief zu heben.
AN's Behauptung oben auf S.26, dass die Du-Anrede „über den gesamten Text
durchgehalten“ ist nicht richtig,
Noch was ganz anderes: Zweimal sagt sie, Muhammad
-- ich meine den Verkünder -- habe im Gegensatz
zu den kuhhân kein Geld genommen.
Vermutlich hat sie 58:13 übersehen.
„ “ “ ”
ʾ ʿ
a ä Ä ā Ā æ
e ē Ē ĕ Ĕ ə Ə ð Ð
i ī Ī ı İ ĭ Ĭ
u ü Ü ū Ū
ŭ Ŭ
o ö Ö ō Ō ŏ Ŏ
s ṣ Ṣ š Š Š
t ṭ Ṭ ṯ Ṯ
d ḍ Ḍ ḏ Ḏ
h ḥ Ḥ x ḫ Ḫ
g ġ Ġ j ǧ Ǧ
c č Č ç Ç Ç
b ḇ Ḇ n ñ Ñ
z ẓ Ẓ ž Ž â Ê
≈ ≠ ≡ ⇒ ⇓
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Für Arabischkundige: Im Original steht da „iḏā“, was „wenn etwas (plötzlich) eintritt“ bedeutet.
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Im Deutschen wird unter „Anthropologie“ in erster Linie die naturwissenschaftliche oder physische Anthropologie verstanden. Der Mensch wird im Anschluss an Darwin (1809–1882) und die Evolutionstheorie genetisch-biologisch als ein rein natürliches Wesen aufgefasst.
Dieser rein naturalistischen Betrachtung des Menschen stehen verschiedene nicht-naturalistische Ansätze entgegen, z.B. unter dem Begriff der philosophischen Anthropologie. Nach einigen dieser Lehren soll sich der Mensch von anderen Organismen qualitativ unterscheiden durch seine Personalität, das heißt die relative Entscheidungsfreiheit und die Möglichkeit zur Selbstbestimmung. (Wikipedia) Eine bekannter deutscher Anthropologe ist Dr. Mengele.
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