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Schade um das schöne Papier. Schade um die Arbeit des Silbentrenners und des Fadenhefters. Angelika Neuwirth, FU-Ober-Arabistin, hat mit Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang ein überflüssiges Werk vorgelegt. Tilman Nagel hat es in der NZZ gewürdigt und bei
Amazon.de ist eine recht informative Kundenrezension erschienen. Eine Kritik von KleinKram habe ich schon geschieben. Trotzdem wurde ich gebeten, meine Einschätzung des Werkes zu geben (und nicht nur auf die vielen Schlampereien hinzuweisen, die das Werk charakterisieren.)
Das ist gar nicht so einfach, weil sich Neuwirth selten präzise ausdrückt.
Ihr kommt es mehr auf eine Oberfläche an, die viel dahermacht, als auf Genauigkeit. Oft muss ich raten, was sie gemeint haben könnte.
Für den Fachmann ist das Buch uninteressant, weil es darin keinen neuen Gedanken gibt.
Neuwirth zitiert ausführlich aus den Werken ihrer Doktoranten und aus Vorträgen auf von ihr mitorganisierten Konferenzen.
Die längsten Zitate aber haben bei ihr weder Anführungszeichen noch Quellenangabe. Sie zitiert aus ihren eigenen über sechzig Artikeln, Vorträgen und Büchern zum Koran. Dabei versteckt sie sich grundsätzlich hinter Formulierungen wie: „Man hat entdeckt“, „Es wurde erhoben“, „es hat sich gezeigt“. Von ihr früher erdachte Begriffe werden nicht als eigene benannt, sondern mittels „sogenannte“ als etablierte termini technici ausgegeben.
Sollten Sie jetzt fragen: „Muß ein wissenschaftliches Buch denn Neues enthalten?“, dann ist die klare Antwort: „Nein, aber dann muss es entweder das Alte neu anordnen, dass dadurch Neues aufscheint, oder/und es muss das Alte so klar und deutlich formulieren, dass es eine Freude ist. Doch dieses Buch überzeugt weder durch Originalität noch durch die Gliederung noch durch den Stil. Lobenswert sind das handliche Format, das angenehme (leicht gelbliche, nicht zu glatte) Papier und das Lesebändchen – doch besser wäre ein brauchbares Register gewesen.
Ein Problem des Buches ist die christliche Perspektive der Autorin, bei der
zwei Begriffe aus dem Titel – „spätantik“ und „europäisch“ – Decknamen für
„christlich“ sind. Für Neuwirth ist der Koran entscheidend von der Bibel geprägt,
eine Art Drittes Testament.
Wenn jemand acht Mal betont, dass der Koran „auf Augenhöhe“ behandelt werde,
dann werde ich misstrauisch und wittere ein „Von-oben-herab“.
In den – Neuworth zufolge – frühen Suren hört sie ständig Psalmen heraus.
Wie die Beeinflussung konkret abgelaufen sein soll, erklärt sie nicht.
Schließlich sind die Psalmen erst Jahrhunderte nach der
„Verkündigung“ des Korans ins Arabische übersetzt worden.
Verräterisch ist auch, dass Neuwirth zweimal (26,64) von
„gelehrten Christen“ in Medina spricht, ohne dafür eine Quelle anzugeben.
Im Koran wird „Maria ukht Hārūn ›Schwester Aarons‹
(Q 19:28), und entsprechend (!) bint ʿImrān ›Tocher Amrams‹
(Q 66:12) [angeredet.] Diese Benennung wurde, nachdem lange mit einer Personen
verwechselung argumentiert worden war, ...“. Neuwirth setzt als
bekannt voraus, dass Amram in der Hebräischen Bibel neben den Söhnen Moses und Aaron eine
Tochter namens Miriam hat (Ex 15,20f. vgl. Ex 6,20f.), dass also Juden und Christen mit einigem
Recht annehmen können, dass im Koran die beiden Marien verwechselt seien. Die muslimische
Lösung des „Problems“ lässt sie – selbstverständlich –
weg, dass schlicht Namensgleichheit vorliege, dass es zweimal drei Geschwister
mit den gleichen Namen gegeben hat, so wie heute viele Schiʿiten namens ʿAlī
ihren Kindern die Namen der Kinder ʿAlīs geben, ohne sich selbst mit Muḥammads
Cousin zu verwechseln.
Ferner erwähnt Neuwirth nicht, dass im Protevangelium des Jakobus, ihrer
Vorlage des koranischen Marienberichts in Sure Das Haus ʿImrān,
Marias Vater „aus dem Hause und Geschlechte Davids“ ist. Neuwirth fährt fort:
„In der Tat scheinen diese Marienbezeichnungen gewichtig, ...“ – gerade waren es noch
Anreden – „... denn es fällt auf, daß ungeachtet der verschiedenen
Vorbilder für die Marientexte in Sure 19 (... Referenz: Lukas) und Sure 3 bzw.“ – sie meint: und –
„[Sure] 66 (... Referenz: Protevangelium des Jakobus) Maria von Anfang an mit einer
aaronidischen Genealogie verbunden wird.“ – Wie gesagt: Bei „Jakobus“ hat
Maria eine davidische Genealogie; aber das unterschlägt sie.
Dann bringt Neuwirth drei Koranstellen und es zeigt sich, dass nur 19:28 eine Anrede ist;
66:12 (Amrams Tochter) und 3:35 (Amrams Frau) sind Berichte. Was bei der Anrede „O Schwester Aarons“
gerade noch angehen mag, dass Gott, der sie anspricht, Maria dadurch zum Antityp der Schwester Aarons
machen soll, klappt für die andern Stellen keinesfalls. Wenn Mariens Mutter „Amrams Frau“ ist,
dann kann dies weder allegorisch noch (anti-)typologisch gemeint sein.
Aber schon das Anrede-Argument steht auf wackeligen Füßen. Ja, Araber sprechen von den Menschen
als den „Söhnen Adams“ und sagen „Kinder X's“ wenn sie einen Stamm meinen, der vielleicht aus
KleinKleinKlein-, KleinKlein- und KleinEnkeln des X besteht. Ja, der Messias der Juden
ist „Sohn Davids“, obwohl er nicht ein Sohn „1. Ordnung“ sondern „n-ter Generation“ war, ist
oder sein wird. Aber nirgends im Umfeld des Korans ist „Y's Tochter“ belegt für eine Frau, die gar
nicht Y's Tochter ist. Dessen ungeachtet fragt Neuwirth: „Was bedeutet die Zuweisung Marias zum Haus
Amram ... für das hagiographisch-veritative bzw. allegorische Marienbild? ...
Mag dies noch veritativ aus der Pseudo-Jakobus-Tradition von Marias Kindheit im Tempel
verstanden werden können, ...“ – dieses „können“ ist im Deutschen überflüssig – „... so
springt doch eine weitere, nur als Anspielung auf Maria als dem allegorischen Tempel[ ]
verständliche[,] Reminiszenz ins Auge: das Echo einer ... Tempelweissagung,
die das verschlossene, erst durch den Messias zu öffnende Osttor des Tempelbezirks
betrifft. Auf dieses Osttor scheint Q 19:34 zu verweisen: »Gedenke in (der Lesung) der
Schrift Marias, als sie sich von ihren Angehörigen an einen östlichen Ort zurückzog.« ...
Maria insofern in der christlichen Tradition allegorisch auf die Kirche verweisend,
steht zugleich für den Tempel, durch dessen östliches Tor einer Prophezeiung Ezechiels
(Ez 44,1f.) zufolge Gott wieder in die Stadt einziehen wird.“ – falsch: die Prophezeiung steht in Vers 3 und – viel wichtiger –: Es ist dort vom „Fürsten“ die Rede, nicht von Gott! Ich werde noch weitere Hinweise darauf bringen, dass die Autorin die Texte durch eine christliche Brille liest bzw. christlich bewertet.
114 Seiten früher hat sich Neuwirth schon einmal mit Maria beschäftigt. Sie schrieb:
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L e i t s e i t e
Brief an den Beck-Verlag zu den
schlamperten Büchern
S. Schmidtkes unsäglicher Aufsatz in der
WdI
Kritik an Schmidtkes Herausgabe eines unsäglichen Buchs
Kritik an Krämers Geschichte
Palästinas
Lob des Buches von el-Rouayheb
Kritik eines Artikels von el-Rouayheb
liwāṭ im fiqh (html)
Neuwirth ist entweder blind für Probleme oder sie will die Leser nicht damit belästigen.
Sie nennt ʿIsā, Mūsā, Hārūn usw. Jesus, Moses, Aaron usw. ohne
daraufhinzuweisen, dass bei syrischen und arabischen Christen und Juden diese anders heißen.
Der Einfachheit halber machen wir es wie Neuwirth = wir benutzen die bei deutschen
Christen gängigen Namen, setzen die koranischen und die biblischen Gestalten gleich –
aber wenigstens nicht stillschweigend.
bzw. Zur Demonstration, dass „beziehungsweise“ und „und“ nicht austauschbar sind, hier eine andere Formulierung ihres Textes:
ungeachtet der verschiedenen Vorlagen für die Marientexte – Lukas in Sure 19 bzw. Pseudo-Jakobus in Suren 3 und 66 –
Neuwirth hat das Komma an der falschen Stelle:
„eine weitere, nur als Anspielung auf Maria als dem allegorischen Tempel, verständliche Reminiszenz“
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Warum soll sich Maria bereits hier zurückgezogen haben? Dass sich später die schwangere Maria versteckt, ist verständlich (19:22: „Sie wurde schwanger mit ihm und zog sich mit ihm an einen abgelegenen Ort zurück.“) Aber bei der Verkündigung ist es völlig unmotiviert und wenn sie sich schon
vor der Verkündigung von den Verwandten entfernt hat, wie kann sie es dann danach nochmal tun? An einen noch abgelegeneren Ort? In die Wüste? Neuwirth nimmt derlei Fehler in der koranischen Erzählung unkommentiert hin = sie nimmt den Text also gar nicht ernst.
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„Maria hat sich, als der göttliche Geist sich ihr nähert, bereits von ihren Angehörigen an einen »östlichen Ort« zurückgezogen. Was koranisch wie eine beliebige Lokalisierung aussieht, ist Ergebnis der Entallegorisierung einer christlichen Tradition, die mit der symbolischen Deutung Marias als der Tempel zusammenhängt. Dessen geschlossenes Osttor soll sich erst durch den Messias öffnen. Die alte Kirche übertrug bei ihrer Tempelallegorese diese Prophezeiung auf Christus und damit auf Maria als seine jungfräuliche Gebärerin: solus Christus clausas portas vulvae virginalis aperuit. Haec est porta orientalis clausa … {Neuwirth gibt weder einen Autor noch eine Quelle an. Es ist aus Adversus Pelagianos von Hieronymus. In meiner Ausgabe steht: Solus enim Christus clausas portas vulvae virginatis aperuit, quae tamen clausae jugiter permanserunt [propter miraculum et Beata Maria fuit virgo ante partum in parto et post partum]. Haec est porta orientalis clausa, per quam solus Pontifex ingreditur et egreditur, et nihilominus semper clausa est.} Im Koran ist Maria mit dem östlichen Ort immer noch verbunden“. – So stimmt es nicht:
Im Koran ist die hochschwangere Maria an einem östlichen Ort fern von ihren Verwandten;
in der Allegorie ist sie nicht am Tor, sondern sie ist das verschlossene
Osttor, welches gar kein östlicher Ort ist, sondern nahe bei den Verwandten,
am Nabel der Welt, beim Allerheiligsten, wo es überhaupt gar keine gebärfähigen
Frauen gibt, hochschwangere oder gebärende schon gar nicht. Mit „immer noch“
suggeriert die Autorin einen Zusammenhang, der nur in ihrer Vorstellung existiert.
„Die[se] Episode erinnert deutlich an die Geschichte Hagars und Ismaels aus Gen 21,9-21, wo ein Engel Hagar die rettende Palme und Quelle zeigt.“ (485) Pustekuchen! Der Engel zeigt nicht, „Gott öffnet [Hagar] die Augen“, nicht für eine Palme, nicht für eine [natürliche, d.h. gottgemachte] Quelle, sondern für einen [von Menschen gegrabenen] Brunnen – beʾer, nicht maʿayan. Dann bringt Neuwirth zwei Seiten lang eine „nicht unmöglich[e]“ (486) Parallele zum Pseudo-Matthäus,
der wohl erst nach der Verkündigung des Koran in Latein verfasst wurde – schwerlich eine Quelle, die der Verkünder gekannt hat.
Übrigens hat dies nicht S. Mourad 2002 „gezeigt“ (485), sondern achtzig Jahre früher Wilhelm Rudolf.
Wenn ich ehrlich bin: Diese Frau muss wahnsinnig sein. Sie konstruiert irgendwas und stellt das dann nicht etwa als eine Möglichkeit neben andere Sichtweisen, sondern als die Wahrheit – echt „veritativ“ – und was soll das nun schon wieder heißen; im Fremdwörter-Duden steht es jedenfalls nicht.
Die immer wieder vorkommende Formulierung, dass der Koran mit den vorausgehenden Traditionen „im Gespräch stehe“, erscheint mir abwegig. Er greift sie anders auf, verarbeitet sie auf seine Weise,
aber „im Gespräch“ mit ihnen ist er nun gerade nicht. Und schon gar nicht hat sich der Koran „in den Kanon der jüdischen und christlichen
Texte eingeschrieben“ (o.ä.).
Des Öfteren wird eine biblische Geschichte als „tatsächlich, wirklich“ geschehen
bezeichnet und eine koranische Geschichte gelobt, wenn sie davon nicht abweicht.
Noch deutlicher weicht Neuwirth von einem neutralen, akademischen Standpunkt ab: „... die koranischen Berichte ... demonstrieren die göttliche Gerechtigkeit, die den Frevel der Verwerfung des Einheitsglaubens mit Vernichtung
ahndet.“ (418) Für einen Akademiker ist es nicht Zeichen göttlicher Gerechtigkeit, wenn Gott alle bestraft, die nicht an ihn glauben. Vom weltlich-moralischen Standpunkt ist es nur gerecht, wenn Untertanen für Taten bestraft werden, die anderen schaden bzw. schaden wollen – wobei das wirkliche Schaden in den Bereich der weltlichen Rechts, das Wollen eher in den Bereich der Moral bzw. der Religion gehört.
Auch bei der Bibellektüre ist sie eigen. So sagt sie, im Lukasevangelium spreche Maria
„ein selbstbewußtes fiat, »so sei es«.“ Abgesehen davon, dass Maria Aramäisch
sprach und Lukas Griechisch schrieb, sagt sie in der Vulgata: Ecce ancilla Domini;
fiat mihi secundum verbum tuum, bei Luther: Siehe ich bin des HERRN Magd; mir geschehe,
wie du gesagt hast. – auf mich wirkt das eher folgsam/unterwürfig als selbstbewusst,
aber durch Weglassen kann man alles drehen. Wissenschaft ist das nicht.
Oder:
„Der Islam betrachtet Blut grundsätzlich als unrein – Wie im Judentum gelten auch im Koran die
noahidischen Gebote, d.h. das Verbot des Blutvergießens sowie das Tabu des menschlichen
Verzehrs von Blut, auch hat die islamische Tradition die Praxis des Schächtens übernommen.“
(S.555, n.86)
Im Judentum gelten die noachitischen Ge- und Verbote gerade nicht.
Die Rabbinen – also weder Sadduzäer noch Essener, weder Ebioniter noch Masbothäer –
begnügten sich nicht damit, für ihre Leute 613 Ge- und Verbote festzulegen,
sondern machen sieben für alle Menschen (nach der großen Flut) verbindlich.
Leider drückt sich Neuwirth nicht klar aus. Meint sie
– dass der Islam sich unter die noachitischen Gebote des Judentums stellt,
– dass auch der Islam sieben Gebote für alle Nicht-Muslime festlegt, oder
– dass (zufällig) auch der Islam die sieben noachitischen Gebote (also deren Inhalt)
für die Muslime (oder für alle Menschen) festlegt, oder
– dass auch im Koran erzählt wird, dass Gott nach der großen Flut mit Nūḥ
und seinen Söhnen ausgemacht habe, dass er keine RiesenFlut schicke, wenn sie sich nur
an sieben Gebote hielten. Nach der Lektüre dieses Buches bin ich geneigt anzunehmen,
dass Neuwirth gar nicht versteht, dass es sich hier um fünf verschiedene Dinge handelt und dass deshalb ihr Geschreibsel („gelten auch im Koran“) mehr Rätsel aufgibt als etwas Bestimmtes zu sagen.
Hier und S. 208 scheint Neuwirth nicht zu verstehen, dass mit „Blutvergießen“ Mord gemeint ist –
auch durch Erdrosseln oder Vergiften – und nicht das Vergießen von Blut aus einem Eimer oder
einer Opferschale – und auch nicht die Tötung eines der Rache Verfallenen.
Hier wie sonst setzt Neuwirth voraus, dass man weiß, um was es geht, dass man weiß, dass die
Rabbinen nicht nur die 613 Gebote und Verbote für die Judenheit festlegen, sondern auch noch lächerliche sieben für den Rest der Menschheit. Nun würde ich erwarten, dass man sich auf Verbote beschränkt, deren Gültigkeit einsichtig ist:
– die goldene Regel oder
– Nicht-Morden, Nicht-Stehlen & Nicht-Lügen
– kein Inzest,
– keine Tierquälerei
und nicht auch solche, die
aufgrund der Vernunft keineswegs Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Doch zu den sieben – nicht immer genau gleichen – Regeln gehört neben Nicht-Töten/Nicht-Verwunden, Nicht-Stehlen/Nicht-Betrügen, Gerecht- und Gesetzestreu-Sein, Keusch-Sein, Nichts-von-lebenden-Tieren-Essen auch
– nur an einen Gott glauben und
– Gott nicht lästern.
Wenn man dergestalt die „ureigenen“ Gebote anderen auferlegt – schließlich war der EinGottGlaube ja lange etwas Besonderes –, dann kann man auch gleich die Beachtung des Schabbes fordern, tut man aber nicht, weil man den Goy am Schabbes braucht, um Licht zu machen.
Fast immer bringt Neuwirth Original und Übersetzung. Bemerkenswerterweise läßt sie die Originale weg, wo sie eine Koranstelle zu einer Antwort auf eine eine Bibelstelle erklärt. Das Merkwürdige beginnt damit, dass sie die Bibel für Mekka und Medina als im "Raum stehende wirkmächtige Traditionen der herrschenden Glaubensgemeinschaften" erklärt. Da musste ich doch dreimal hingucken. Sie schreibt das tatsächlich. Welche Kirche beherrschte Mekka?
Wie genau der Islam die biblischen Texte aufgenommen hat, weiß sie zwar nicht, aber das "Resultat" ist für sie eindeutig: der Verkünder "verwandelt" (745) Pslamen in Suren. Als Beispiel gibt sie ihre Übersetzungen von Sure 78, Vers 6-17 und einigen Versen aus Psalm 104. Die Nähe zwischen beiden Texten tritt "klar zutage", ist "unverkennbar".
Ich erkenne ihn nicht. Ich erkenne nur Neuwirths Manipulation. Im Korantext macht sie aus "Stütze, Zahn, Stab, Riegel, Bollwerk, Pfosten" "Zeltpflock" und im Psalm verwandelt sie "Stoff, Vorhang" in "ein Zeltdach" – ganz abgesehen davon, dass kein Wüstenbewohner auf das Bild eines Zeltes verfiele, ohne vorher die Psalmen (in einer fremden Sprache, denn sie waren nicht übersetzt) gelesen zu haben.
Genauso abtrus ist Neuwirths Behauptung, dass der Verkünder auf den Gegensatz grün/lebend ⇐⇒vertrocknet/verdorrt nur durch Pslam-Lektüre kommt – dass ein Blick auf die Natur Araber "von allein" auf solche Gedanken bringt, liegt ihr fern.
Sie beklagt, dass die westliche Koranforscher uneins sind, ohne zu erklären,
dass dies im Text des Koran selbst begründet liegt, dass nicht einmal die Sprache, in welcher der
Koran verfasst wurde, feststeht, dass ein Gutteil der Wörter dunkel ist, teils weil sie nur
aus ihm selbst erschlossen werden müssen, teils weil im Arabischen die meisten Wörter ganz
unterschiedliche Bedeutungen tragen – den letzten Punkt vermerkt die Autorin positiv als „Polysemie“.
Neuwirth verspricht zu viel – nicht nur die Erklärung der Fachbegriffe, sondern auch die
„zusammenfassende Darstellung der bisherigen Forschungsergebnisse“; dass sie nicht
die zukünftigen Forschungsergebnisse zusammenfassend darstellt, habe ich mir gedacht und einen
wirklichen Unterschied zwischen „darstellt“, „zusammenfasst„ und „zusammenfassend darstellt“
sehe ich auch nicht.
Ich entdecke aber nicht nur Wortgeklapper, sondern auch Hochmut, wenn sie eine „konsensfähige Basis ...
für die hermeneutische Überbrückung der Polarität zwischen muslimischen und westlichen
Forschungsansätzen“ (20 f.) legen und
die „hermeneutischen Barrierien“ zwischen westlichen und muslimischen Koranforschern“
(21) wegräumen will. Einerseits verspricht sie, die verschiedenartigen Ansätze zusammenzuführen, andererseits verspricht sie eine Revolution:
„Eine radikale Drehung der Perspektive von der gegenwärtig im Mittelpunkt stehenden Rezeptionsgeschichte
zur
Entstehungsgeschichte
und damit
eine Neureflexion des Koran ...“ (14), „ein Gegenmodell“ (23).
„Diese Drehung der Perspektive um 180 Grad vom islamischen zum spätantiken Koran“ (15)
geht „von einem Koranbegriff aus“, „der nicht identisch mit dem der bisherigen Forschung ist.
Denn es ist nicht die überlieferte anthologische Textgestalt mit ihren der Textlänge
nach angeordneteten 114 Suren,
in die sich die entstehende neue Religion eingeschriebenen hat, sondern die Vorform
dieses Textes: die seiner Kodifizierung vorausgehende mündliche
Verkündigung.“ (19)
Ihr Koran ist nicht „ein Text der islamischen Tradition“.
„Denn in seiner vorkanonischen mündlichen Manifestation kann der Korantext
noch nicht als exklusiv islamisch gelten, er ist vielmehr noch integraler Teil der Debattenkultur
der Spätantike“ (19 f.)
„ihre (wessen?) Verhandlung älterer Traditionen, die gewissermaßen (!) unter der Endgestalt
der kanonisierten Offenbarungsschrift verborgen ist, freizulegen ist ein zentrales Ziel dieses Buches.“ (20)
„dürfte die hier vollzogene radikale Drehung der Forschungsperspektive – von dem fertigen, kanonischen Text hin zu dem erst zu rekonstruierenden Kommunikationsprozeß der Koranverkündigung .... Mitschrift der Verkündigung“ (20)
Obwohl im Vorwort die Erklärung der Fachbegriffe versprochen wurde, gibt es die weder im Text noch in einem Glossar.
Wenn sie etwa al-nāsikh wa-l-mansūkh mit Abrogationsdebatte erklärt, sagt das dem interessierten Laien nicht sehr viel.
Ich verstehe auch nicht, was sie mit S. 663 Mitte
mit „– ein Schibboleth, das kaum noch aufgehellt
werden kann.“ sagen will. Der ganze Abschnitt ist
mit „... ein koranisches Schibboleth“ überschrieben.
Ri 12, 5-6 kann ihr dabei doch nicht vorgeschwebt haben. ??
Zum Schluss drei Zitate, in denen sich Neuwirth widerspricht: Mal sind die der Koran leicht auswenig zu lernen, mal nicht. Zusätzlich habe ich mir erlaut, jedes der drei Zitate knapper umzuformulieren:
S. 235: „Der weitgehend poetische, leicht zu memorierende Korantext ist keineswegs primär schriftlich, sondern vor allem mündlich überliefert worden -“
klarer: „Der weitgehend poetische, leicht zu memorierende Korantext ist vor allem mündlich überliefert worden -“
S. 241: „Es ist als wahrscheinlich anzunehmen, daß der Verkünder bereits in mittelmekkanischer Zeit für die schriftliche Fixierung der Einzeloffenbarungen Sorge getragen hat. Die Notwendigkeit kann schon bei den längeren mekkanischen Suren mit ihrem komplexen Versstrukturen
vorausgesetzt werden, deren unversehrte Bewahrung ganz ohne schriftliche Stütze nicht leicht erklärlich ist.“
klarer: „Sobald die Suren länger und komplexer wurden, war ihre Bewahrung im Gedächtnis allein zu unsicher; der Verkünder wird für ihre Aufzeichnung gesorgt haben.“
S. 242: „Die schriftliche Aufzeichnung erhält damit den Wert einer Stütze für die mündliche Tradition, mit der Funktion, als Unterlage zu Lehr- und Lernzwecken zu dienen. Als solche war sie für die Bewahrung der langen Verse der medinensischen Suren eine notwendige Voraussetzung.“
klarer: „Ohne schriftliche Stützen konnten die langen Verse der medinensischen Suren weder getreu gelehrt werden noch sicher gelernt.“
„ “ “ ”
ʾ ʿ
a ä Ä ā Ā æ
e ē Ē ĕ Ĕ ə Ə ð Ð
i ī Ī ı İ ĭ Ĭ
u ü Ü ū Ū
ŭ Ŭ
o ö Ö ō Ō ŏ Ŏ
s ṣ Ṣ š Š Š
t ṭ Ṭ ṯ Ṯ
d ḍ Ḍ ḏ Ḏ
h ḥ Ḥ x ḫ Ḫ
g ġ Ġ j ǧ Ǧ
c č Č ç Ç Ç
b ḇ Ḇ n ñ Ñ
z ẓ Ẓ ž Ž â Ê
≈ ≠ ≡ ⇒ ⇓
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„Was koranisch wie eine beliebige Lokalisierung aussieht"
Was bedeutet das Umstandswort „koranisch“? oder anders gesagt: Was bedeutet „koranisch aussehen“? – Ich denke: Nach den Regeln der deutschen Sprache bedeutet es gar nichts.
Was meint Neuwirth mit „Lokalisierung“? Verortung? Der Duden sagt: „örtliche Eingrenzung; örtliche Festlegung“. Warum schreibt sie nicht „Was wie eine beliebige Ortsangabe aussieht“? – Weil es zu klar, zu deutsch und zu verständlich ist, alles Eigenschaften, die sie verabscheut. Und was meint sie mit „beliebig“? – Sie meint wohl „bedeutungslos, ohne Sinn, ohne Konsequenz“. Sie will aber nicht verständlich schreiben, sondern hochtrabend. Es muss bei ihr nach MEHR klingen. Genauigkeit ist ihr ein Gräuel; lieber sind ihr Geraune und Geschwafel.
L e i t s e i t e
L e i t s e i t e
Sie meint gar nicht „Polarität", denn das heißt ja Aufeinanderbezogensein; sie meint Unvereinbarkeit, Nicht-Wahrnehmung, Aneinandervorbeireden..
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L e i t s e i t e
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Ich habe den Eindruck als benutze die Autorin hier mündlich vorkanonisch und mündlich vorkodifiziert gleichbedeutend.
L e i t s e i t e
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