N e u w i r t h s   G r o ß - W e r k   (G r o ß - K r i t i k )

















Schade um das schöne Papier. Schade um die Arbeit des Silben­trenners und des Faden­hefters. Angelika Neuwirth, FU-Ober-Arabistin, hat mit Der Koran als Text der Spät­antike. Ein euro­päi­scher Zugang ein über­flüssiges Werk vorgelegt. Tilman Nagel hat es in der NZZ gewürdigt und bei Amazon.de ist eine recht informa­tive Kunden­rezen­sion erschienen. Eine Kritik von KleinKram habe ich schon geschieben. Trotz­dem wurde ich gebeten, meine Ein­schätzung des Werkes zu geben (und nicht nur auf die vielen Schlampe­reien hin­zuweisen, die das Werk charak­teri­sieren.)
Das ist gar nicht so einfach, weil sich Neuwirth selten prä­zise ausdrückt. Ihr kommt es mehr auf eine Ober­fläche an, die viel dahermacht, als auf Genauigkeit. Oft muss ich raten, was sie gemeint haben könnte.

Für den Fachmann ist das Buch uninteressant, weil es darin keinen neuen Gedanken gibt. Neuwirth zitiert ausführlich aus den Werken ihrer Doktoran­ten und aus Vor­trägen auf von ihr mit­organisier­ten Kon­ferenzen. Die längsten Zitate aber haben bei ihr weder Anführungs­zeichen noch Quellen­angabe. Sie zitiert aus ihren eigenen über sechzig Arti­keln, Vor­trägen und Büchern zum Koran. Dabei versteckt sie sich grund­sätz­lich hinter Formu­lie­rungen wie: „Man hat entdeckt“, „Es wurde er­hoben“, „es hat sich ge­zeigt“. Von ihr früher erdachte Begriffe werden nicht als eigene benannt, sondern mittels „sogenannte“ als etablierte termini technici ausgegeben.
Sollten Sie jetzt fragen: „Muß ein wissen­schaft­liches Buch denn Neues ent­halten?“, dann ist die klare Antwort: „Nein, aber dann muss es entweder das Alte neu an­ord­nen, dass dadurch Neues auf­scheint, oder/und es muss das Alte so klar und deut­lich formu­lieren, dass es eine Freude ist. Doch dieses Buch über­zeugt weder durch Origi­na­lität noch durch die Gliede­rung noch durch den Stil. Lobens­wert sind das hand­liche Format, das angenehme (leicht gelb­liche, nicht zu glatte) Papier und das Lese­bänd­chen – doch besser wäre ein brauch­bares Register gewesen.

Ein Problem des Buches ist die christ­liche Perspektive der Autorin, bei der zwei Begriffe aus dem Titel – „spät­antik“ und „europäisch“ – Decknamen für „christ­lich“ sind. Für Neuwirth ist der Koran entscheidend von der Bibel geprägt, eine Art Drittes Testament. Wenn jemand acht Mal betont, dass der Koran „auf Augen­höhe“ behandelt werde, dann werde ich miss­trau­isch und wittere ein „Von-oben-herab“. In den – Neuworth zufolge – frühen Suren hört sie ständig Psalmen heraus. Wie die Beein­flus­sung konkret abge­laufen sein soll, erklärt sie nicht. Schließ­lich sind die Psalmen erst Jahr­hunderte nach der „Ver­kündi­gung“ des Korans ins Arabische über­setzt worden. Ver­räte­risch ist auch, dass Neu­wirth zweimal (26,64) von „gelehr­ten Christen“ in Medina spricht, ohne dafür eine Quelle anzugeben.

Im Koran wird „Maria ukht Hārūn ›Schwester Aarons‹ (Q 19:28), und ent­sprechend (!) bint ʿImrān ›Tocher Amrams‹ (Q 66:12) [ange­redet.] Diese Benen­nung wurde, nach­dem lange mit einer Personen ­ver­wechse­lung argumen­tiert worden war, ...“. Neu­wirth setzt als bekannt voraus, dass Amram in der Hebräischen Bibel neben den Söhnen Moses und Aaron eine Tochter namens Miriam hat (Ex 15,20f. vgl. Ex 6,20f.), dass also Juden und Christen mit einigem Recht annehmen können, dass im Koran die beiden Marien ver­wechselt seien. Die muslimische Lösung des „Problems“ lässt sie – selbst­ver­ständ­lich – weg, dass schlicht Namens­gleich­heit vor­liege, dass es zweimal drei Geschwister mit den gleichen Namen gegeben hat, so wie heute viele Schiʿiten namens ʿAlī ihren Kindern die Namen der Kinder ʿAlīs geben, ohne sich selbst mit Muḥammads Cousin zu verwechseln.
Ferner erwähnt Neuwirth nicht, dass im Prot­evan­ge­lium des Jakobus, ihrer Vor­lage des korani­schen Marienberichts in Sure Das Haus ʿImrān, Marias Vater „aus dem Hause und Geschlechte Davids“ ist.
Neuwirth fährt fort:
„In der Tat scheinen diese Marien­bezeich­nungen gewich­tig, ...“ – gerade waren es noch An­re­den – „... denn es fällt auf, daß un­ge­achtet der ver­schie­de­nen Vor­bilder für die Marien­texte in Sure 19 (... Referenz: Lukas) und Sure 3 bzw.“ – sie meint: und – „[Sure] 66 (... Referenz: Prot­evange­lium des Jakobus) Maria von Anfang an mit einer aaro­ni­di­schen Genea­logie verbunden wird.“ – Wie gesagt: Bei „Jakobus“ hat Maria eine davidi­sche Genea­logie; aber das unterschlägt sie.
Dann bringt Neuwirth drei Koran­stellen und es zeigt sich, dass nur 19:28 eine Anrede ist; 66:12 (Amrams Tochter) und 3:35 (Amrams Frau) sind Berichte. Was bei der Anrede „O Schwester Aarons“ gerade noch angehen mag, dass Gott, der sie anspricht, Maria dadurch zum Antityp der Schwester Aarons machen soll, klappt für die andern Stellen keinesfalls. Wenn Mariens Mutter „Amrams Frau“ ist, dann kann dies weder alle­go­risch noch (anti-)typo­lo­gisch gemeint sein.
Aber schon das Anrede-Argument steht auf wackeligen Füßen. Ja, Araber sprechen von den Menschen als den „Söhnen Adams“ und sagen „Kinder X's“ wenn sie einen Stamm meinen, der viel­leicht aus KleinKlein­Klein-, Klein­Klein- und Klein­Enkeln des X besteht. Ja, der Messias der Juden ist „Sohn Davids“, obwohl er nicht ein Sohn „1. Ordnung“ sondern „n-ter Genera­tion“ war, ist oder sein wird. Aber nirgends im Umfeld des Korans ist „Y's Tochter“ belegt für eine Frau, die gar nicht Y's Tochter ist. Dessen ungeachtet fragt Neuwirth: „Was bedeutet die Zuwei­sung Marias zum Haus Amram ... für das hagio­graphisch-verita­tive bzw. alle­gori­sche Marien­bild? ... Mag dies noch veri­tativ aus der Pseudo-Jakobus-Tradi­tion von Marias Kind­heit im Tempel ver­standen werden können, ...“ – dieses „können“ ist im Deutschen über­flüssig – „... so springt doch eine weitere, nur als Anspie­lung auf Maria als dem alle­gori­schen Tempel[ ] ver­ständ­liche[,] Reminis­zenz ins Auge: das Echo einer ... Tempel­weis­sa­gung, die das ver­schlos­sene, erst durch den Messias zu öffnen­de Ost­tor des Tempel­bezirks betrifft. Auf dieses Ost­tor scheint Q 19:34 zu verweisen: »Gedenke in (der Lesung) der Schrift Marias, als sie sich von ihren Ange­höri­gen an einen östlichen Ort zurück­zog.« ... Maria insofern in der christ­lichen Tradition alle­go­risch auf die Kirche verweisend, steht zugleich für den Tempel, durch dessen öst­liches Tor einer Pro­phe­zeiung Ezechiels (Ez 44,1f.) zufolge Gott wieder in die Stadt einziehen wird.“ – falsch: die Prophe­zeiung steht in Vers 3 und – viel wichtiger –: Es ist dort vom „Fürsten“ die Rede, nicht von Gott! Ich werde noch weitere Hinweise darauf bringen, dass die Autorin die Texte durch eine christliche Brille liest bzw. christlich bewertet.
114 Seiten früher hat sich Neuwirth schon einmal mit Maria beschäftigt. Sie schrieb:


L e i t s e i t e

Brief an den Beck-Verlag zu den schlamperten Büchern

S. Schmidtkes unsäglicher Aufsatz in der WdI

Kritik an Schmidtkes Herausgabe eines unsäglichen Buchs

Kritik an Krämers Geschichte Palästinas

Lob des Buches von el-Rouayheb

Kritik eines Artikels von el-Rouayheb

liwāṭ im fiqh (html)


















Neuwirth ist entweder blind für Probleme oder sie will die Leser nicht damit be­lästi­gen. Sie nennt ʿIsā, Mūsā, Hārūn usw. Jesus, Moses, Aaron usw. ohne darauf­hin­zuweisen, dass bei syrischen und ara­bi­schen Christen und Juden diese anders heißen. Der Ein­fach­heit hal­ber machen wir es wie Neu­wirth = wir be­nutzen die bei deut­schen Christen gängigen Namen, setzen die korani­schen und die bibli­schen Gestal­ten gleich – aber wenig­stens nicht still­schweigend.
 
bzw.
Zur Demonstration, dass „bezie­hungs­weise“ und „und“ nicht aus­tausch­bar sind, hier eine andere Formu­lierung ihres Textes:
un­ge­achtet der ver­schie­de­nen Vor­lagen für die Marien­texte – Lukas in Sure 19 bzw. Pseudo-Jakobus in Suren 3 und 66 –













Neuwirth hat das Komma an der falschen Stelle:
„eine weitere, nur als Anspie­lung auf Maria als dem alle­gorischen Tempel, ver­ständ­liche Reminis­zenz“
Warum soll sich Maria bereits hier zurück­ge­zo­gen haben? Dass sich später die schwange­re Maria versteckt, ist ver­ständ­lich (19:22: „Sie wurde schwan­ger mit ihm und zog sich mit ihm an einen ab­ge­lege­nen Ort zurück.“) Aber bei der Ver­kündi­gung ist es völlig un­moti­viert und wenn sie sich schon vor der Ver­kündi­gung von den Verwandten entfernt hat, wie kann sie es dann danach noch­mal tun? An einen noch ab­ge­legene­ren Ort? In die Wüste? Neu­wirth nimmt der­lei Fehler in der korani­schen Erzäh­lung un­kom­men­tiert hin = sie nimmt den Text also gar nicht ernst.

 
 




 

 

 
 




 

 

 

 

 
 


 

   

„Maria hat sich, als der göttliche Geist sich ihr nähert, bereits von ihren An­ge­hö­ri­gen an einen »öst­lichen Ort« zurück­gezogen. Was koranisch wie eine beliebi­ge LokaliŸ­sierung aus­sieht, ist Ergebnis der Ent­alleŸ­gorisieŸ­rung einer christ­lichen Tra­di­tion, die mit der symboliŸ­schen Deutung Marias als der Tempel zusammenŸ­hängt. Dessen geschlos­senes Ost­tor soll sich erst durch den Messias öffnen. Die alte Kirche über­trug bei ihrer TempelŸ­allegorese diese PropheŸ­zeiung auf Christus und damit auf Maria als seine jungŸ­fräuŸ­liche Gebärerin: solus Christus clau­sas portas vulvae vir­gi­na­lis aperuit. Haec est porta orien­talis clausa … {Neuwirth gibt weder einen Autor noch eine Quelle an. Es ist aus Adversus Pela­gianos von Hiero­nymus. In meiner AusŸ­gabe steht: Solus enim Christus clausas portas vulvae virgiŸ­naŸ­tis aperuit, quae tamen clau­sae jugiter per­manŸ­serunt [propter mira­culum et Beata Maria fuit virgo ante partum in parto et post partum]. Haec est porta orien­talis clausa, per quam solus Pontifex ingreŸ­ditur et egreditur, et nihiloŸ­minus semper clausa est.} Im Koran ist Maria mit dem öst­lichen Ort immer noch verŸ­bunden“. – So stimmt es nicht: Im Koran ist die hochŸ­schwangere Maria an einem öst­lichen Ort fern von ihren VerŸ­wandŸ­ten; in der AlleŸ­gorie ist sie nicht Ÿam Tor, sondern sie ist das verŸ­schlosŸ­sene OstŸ­tor, welches gar kein östŸ­licher Ort ist, sondern nahe bei den VerŸ­wandŸ­ten, am Nabel der Welt, beim AllerŸ­heiligŸ­sten, wo es überŸ­haupt gar keine gebärŸ­fähigen Frauen gibt, hochŸ­schwanŸ­gere oder ge­bären­de schon gar nicht. Mit „immer noch“ sugŸ­geŸ­riert die Autorin einen ZusammenŸ­hang, der nur in ihrer Vorstellung existiert.
„Die[se] Episode erinnert deutlich an die Geschichte Hagars und Ismaels aus Gen 21,9-21, wo ein Engel Hagar die rettende Palme und Quelle zeigt.“ (485) Pustekuchen! Der Engel zeigt nicht, „Gott öffnet [Hagar] die Augen“, nicht für eine Palme, nicht für eine [natürliche, d.h. gottgemachte] Quelle, sondern für einen [von Menschen gegrabenen] Brunnen – beʾer, nicht maʿayan.
Dann bringt Neuwirth zwei Seiten lang eine „nicht unmöglich[e]“ (486) Parallele zum Pseudo-Matthäus, der wohl erst nach der Verkündigung des Koran in Latein verfasst wurde – schwerlich eine Quelle, die der Verkünder gekannt hat.
Übrigens hat dies nicht S. Mourad 2002 „gezeigt“ (485), sondern achtzig Jahre früher Wilhelm Rudolf.
Wenn ich ehrlich bin: Diese Frau muss wahn­sinnig sein. Sie kon­stru­iert irgend­was und stellt das dann nicht etwa als eine Möglichkeit neben andere Sicht­weisen, sondern als die Wahr­heit – echt „veritativ“ – und was soll das nun schon wieder heißen; im Fremd­wörter-Duden steht es jedenfalls nicht.
Die immer wieder vorkommende Formulierung, dass der Koran mit den vor­aus­gehen­den Traditionen „im Gespräch stehe“, erscheint mir abwegig. Er greift sie anders auf, verarbeitet sie auf seine Weise, aber „im Gespräch“ mit ihnen ist er nun gerade nicht. Und schon gar nicht hat sich der Koran „in den Kanon der jüdischen und christlichen Texte eingeschrieben“ (o.ä.).

Des Öfteren wird eine biblische Geschichte als „tatsäch­lich, wirk­lich“ ge­schehen be­zeich­net und eine korani­sche Geschichte gelobt, wenn sie davon nicht abweicht. Noch deut­licher weicht Neuwirth von einem neutralen, akademischen Stand­punkt ab: „... die koranischen Berichte ... demon­strie­ren die göttliche Gerechtig­keit, die den Frevel der Ver­werfung des Einheitsglaubens mit Ver­nichtung ahndet.“ (418) Für einen Akademiker ist es nicht Zeichen gött­licher Gerechtig­keit, wenn Gott alle bestraft, die nicht an ihn glauben. Vom welt­lich-mora­lischen Stand­punkt ist es nur gerecht, wenn Unter­tanen für Taten bestraft werden, die anderen schaden bzw. schaden wollen – wobei das wirk­liche Schaden in den Bereich der welt­lichen Rechts, das Wollen eher in den Bereich der Moral bzw. der Religion gehört.

Auch bei der Bibellektüre ist sie eigen. So sagt sie, im Lukas­evangelium spreche Maria „ein selbst­bewuß­tes fiat, »so sei es«.“ Abgesehen davon, dass Maria Ara­mä­isch sprach und Lukas Grie­chisch schrieb, sagt sie in der Vulgata: Ecce an­cilla Do­mi­ni; fiat mihi secun­dum verbum tuum, bei Luther: Siehe ich bin des HERRN Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. – auf mich wirkt das eher folg­sam/unter­würfig als selbst­bewusst, aber durch Weglassen kann man alles drehen. Wissenschaft ist das nicht.
Oder:
„Der Islam betrachtet Blut grund­sätzlich als unrein – Wie im Judentum gelten auch im Koran die noahidi­schen Gebote, d.h. das Verbot des Blut­ver­gießens sowie das Tabu des mensch­lichen Ver­zehrs von Blut, auch hat die islamische Tradi­tion die Praxis des Schächtens über­nommen.“ (S.555, n.86)
Im Judentum gelten die noachitischen Ge- und Verbote gerade nicht.
Die Rabbinen – also weder Sadduzäer noch Essener, weder Ebioniter noch Masbo­thä­er – begnüg­ten sich nicht damit, für ihre Leute 613 Ge- und Verbote fest­zulegen, sondern machen sieben für alle Menschen (nach der großen Flut) ver­bind­lich. Leider drückt sich Neuwirth nicht klar aus. Meint sie
– dass der Islam sich unter die noachitischen Gebote des Judentums stellt,
– dass auch der Islam sieben Gebote für alle Nicht-Muslime festlegt, oder
– dass (zufällig) auch der Islam die sieben noachitischen Gebote (also deren Inhalt) für die Muslime (oder für alle Menschen) festlegt, oder
– dass auch im Koran erzählt wird, dass Gott nach der großen Flut mit Nūḥ und seinen Söhnen aus­gemacht habe, dass er keine Riesen­Flut schicke, wenn sie sich nur an sieben Gebote hielten.
Nach der Lektüre dieses Buches bin ich geneigt anzunehmen, dass Neu­wirth gar nicht versteht, dass es sich hier um fünf verschiedene Dinge handelt und dass deshalb ihr Geschreib­sel („gelten auch im Koran“) mehr Rätsel aufgibt als etwas Bestimmtes zu sagen.
Hier und S. 208 scheint Neuwirth nicht zu verstehen, dass mit „Blutvergießen“ Mord gemeint ist – auch durch Erdrosseln oder Vergiften – und nicht das Vergießen von Blut aus einem Eimer oder einer Opferschale – und auch nicht die Tötung eines der Rache Verfallenen. Hier wie sonst setzt Neuwirth voraus, dass man weiß, um was es geht, dass man weiß, dass die Rabbinen nicht nur die 613 Gebote und Verbote für die Judenheit festlegen, sondern auch noch lächerliche sieben für den Rest der Menschheit. Nun würde ich erwarten, dass man sich auf Verbote beschränkt, deren Gültigkeit einsichtig ist:
– die goldene Regel oder
– Nicht-Morden, Nicht-Stehlen & Nicht-Lügen
– kein Inzest,
– keine Tierquälerei
und nicht auch solche, die aufgrund der Vernunft keineswegs Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Doch zu den sieben – nicht immer genau gleichen – Regeln gehört neben Nicht-Töten/Nicht-Verwunden, Nicht-Stehlen/Nicht-Betrügen, Gerecht- und Gesetzestreu-Sein, Keusch-Sein, Nichts-von-lebenden-Tieren-Essen auch
– nur an einen Gott glauben und
– Gott nicht lästern.
Wenn man dergestalt die „ureigenen“ Gebote anderen auferlegt – schließlich war der EinGott­Glaube ja lange etwas Besonderes –, dann kann man auch gleich die Beachtung des Schabbes fordern, tut man aber nicht, weil man den Goy am Schabbes braucht, um Licht zu machen.

Fast immer bringt Neuwirth Original und Übersetzung. Bemerkenswerterweise läßt sie die Originale weg, wo sie eine Koranstelle zu einer Antwort auf eine eine Bibelstelle erklärt. Das Merkwürdige beginnt damit, dass sie die Bibel für Mekka und Medina als im "Raum stehende wirkmächtige Traditionen der herrschenden Glaubensgemeinschaften" erklärt. Da musste ich doch dreimal hingucken. Sie schreibt das tatsächlich. Welche Kirche beherrschte Mekka?
Wie genau der Islam die biblischen Texte aufgenommen hat, weiß sie zwar nicht, aber das "Resultat" ist für sie eindeutig: der Verkünder "verwandelt" (745) Pslamen in Suren. Als Beispiel gibt sie ihre Übersetzungen von Sure 78, Vers 6-17 und einigen Versen aus Psalm 104. Die Nähe zwischen beiden Texten tritt "klar zutage", ist "unverkennbar".
Ich erkenne ihn nicht. Ich erkenne nur Neuwirths Manipulation. Im Korantext macht sie aus "Stütze, Zahn, Stab, Riegel, Bollwerk, Pfosten" "Zeltpflock" und im Psalm verwandelt sie "Stoff, Vorhang" in "ein Zeltdach" – ganz abgesehen davon, dass kein Wüstenbewohner auf das Bild eines Zeltes verfiele, ohne vorher die Psalmen (in einer fremden Sprache, denn sie waren nicht übersetzt) gelesen zu haben.
Genauso abtrus ist Neuwirths Behauptung, dass der Verkünder auf den Gegensatz grün/lebend ⇐⇒vertrocknet/verdorrt nur durch Pslam-Lektüre kommt – dass ein Blick auf die Natur Araber "von allein" auf solche Gedanken bringt, liegt ihr fern.

Sie beklagt, dass die westliche Koranforscher uneins sind, ohne zu erklären, dass dies im Text des Koran selbst begründet liegt, dass nicht einmal die Sprache, in welcher der Koran verfasst wurde, fest­steht, dass ein Gutteil der Wörter dunkel ist, teils weil sie nur aus ihm selbst erschlossen werden müssen, teils weil im Arabi­schen die meisten Wörter ganz unter­schied­liche Bedeu­tungen tragen – den letzten Punkt ver­merkt die Autorin positiv als „Polysemie“.

Neuwirth verspricht zu viel – nicht nur die Erklärung der Fach­begriffe, sondern auch die „zusammen­fassende Darstellung der bisherigen Forschungsergebnisse“; dass sie nicht die zukünftigen Forschungs­ergebnisse zusammen­fassend darstellt, habe ich mir gedacht und einen wirklichen Unterschied zwischen „darstellt“, „zusammenfasst„ und „zusammen­fassend darstellt“ sehe ich auch nicht.
Ich entdecke aber nicht nur Wortgeklapper, sondern auch Hochmut, wenn sie eine „konsens­fähige Basis ... für die hermeneu­tische Über­brückung der Polarität zwischen muslimi­schen und west­lichen Forschungs­ansätzen“ (20 f.) legen und die „hermeneu­ti­schen Barrierien“ zwischen west­lichen und muslimi­schen Koran­forschern“ (21) weg­räumen will.
Einerseits ver­spricht sie, die ver­schieden­artigen Ansätze zusammen­zuführen, anderer­seits ver­spricht sie eine Revolution:
„Eine radikale Drehung der Per­spek­tive von der gegen­wär­tig im Mittel­punkt ste­hen­den Rezep­tions­geschichte zur Ent­stehungs­geschichte und damit eine Neu­re­fle­xion des Koran ...“ (14), „ein Gegenmodell“ (23). „Diese Drehung der Per­spek­tive um 180 Grad vom islamischen zum spät­antiken Koran“ (15) geht „von einem Koran­begriff aus“, „der nicht identisch mit dem der bis­herigen Forschung ist. Denn es ist nicht die über­lieferte antho­logische Text­gestalt mit ihren der Text­länge nach ange­ordneteten 114 Suren,
in die sich die ent­stehende neue Religion ein­geschrie­benen hat, sondern die Vor­form dieses Textes: die seiner Kodifizie­rung voraus­gehende münd­liche Ver­kündi­gung.“ (19)
Ihr Koran ist nicht „ein Text der islamischen Tradition“. „Denn in seiner vorkanoni­schen mündlichen Manifesta­tion kann der Korantext noch nicht als exklusiv islamisch gelten, er ist vielmehr noch inte­graler Teil der Debatten­kultur der Spätantike“ (19 f.)
„ihre (wessen?) Verhandlung älterer Traditionen, die gewisser­maßen (!) unter der Endgestalt der kanonisierten Offenbarungs­schrift verborgen ist, freizulegen ist ein zentrales Ziel dieses Buches.“ (20)
„dürfte die hier vollzogene radikale Drehung der Forschungs­perspektive – von dem fertigen, kanonischen Text hin zu dem erst zu re­kon­stru­ie­ren­den Kommu­ni­ka­tions­prozeß der Koran­ver­kün­digung .... Mitschrift der Ver­kündigung“ (20)


Obwohl im Vorwort die Erklärung der Fachbegriffe versprochen wurde, gibt es die weder im Text noch in einem Glossar. Wenn sie etwa al-nāsikh wa-l-mansūkh mit Abrogationsdebatte erklärt, sagt das dem interessierten Laien nicht sehr viel.

Ich verstehe auch nicht, was sie mit S. 663 Mitte mit „– ein Schibboleth, das kaum noch aufgehellt werden kann.“ sagen will. Der ganze Abschnitt ist mit „... ein koranisches Schibboleth“ überschrieben. Ri 12, 5-6 kann ihr dabei doch nicht vorgeschwebt haben. ??


Zum Schluss drei Zitate, in denen sich Neuwirth widerspricht: Mal sind die der Koran leicht auswenig zu lernen, mal nicht. Zusätzlich habe ich mir erlaut, jedes der drei Zitate knapper umzuformulieren: S. 235: „Der weitgehend poetische, leicht zu memorierende Korantext ist keines­wegs primär schriftlich, sondern vor allem mündlich über­liefert worden -“
klarer: „Der weitgehend poetische, leicht zu memorierende Korantext ist vor allem mündlich überliefert worden -“
S. 241: „Es ist als wahrscheinlich anzuneh­men, daߟ der Ver­künder bereits in mittel­mekkanischer Zeit für die schrift­liche Fixierung der Einzel­offen­barungen Sorge getragen hat. Die Notwendigkeit kann schon bei den längeren mekkani­schen Suren mit ihrem komplexen Vers­struk­tu­ren voraus­gesetzt werden, deren unver­sehrte Bewah­rung ganz ohne schrift­liche Stütze nicht leicht erklärlich ist.“
klarer: „Sobald die Suren länger und kom­ple­xer wurden, war ihre Bewah­rung im Gedächt­nis allein zu unsicher; der Verkün­der wird für ihre Auf­zeichnung gesorgt haben.“
S. 242: „Die schriftliche Aufzeichnung erhält damit den Wert einer Stütze für die münd­liche Tradition, mit der Funktion, als Unterlage zu Lehr- und Lern­zwecken zu dienen. Als solche war sie für die Bewahrung der langen Verse der medinen­sischen Suren eine notwendige Voraussetzung.“
klarer: „Ohne schriftliche Stützen konnten die langen Verse der medinensischen Suren weder getreu gelehrt werden noch sicher gelernt.“

„ “ “ ” ʾ ʿ a ä Ä ā Ā æ e ē Ē ĕ Ĕ ə Ə ð Ð i ī Ī ı İ ĭ Ĭ u ü Ü ū Ū ŭ Ŭ
o ö Ö ō Ō ŏ Ŏ s ṣ Ṣ š Š Š t ṭ Ṭ ṯ Ṯ d ḍ Ḍ ḏ Ḏ
h ḥ Ḥ x ḫ Ḫ g ġ Ġ j ǧ Ǧ c č Č ç Ç Ç b ḇ Ḇ n ñ Ñ z ẓ Ẓ ž Ž â Ê ≈ ≠ ≡ ⇒ ⇓

„Was koranisch wie eine be­lie­bige Lo­kalisie­rung aus­sieht"
Was bedeutet das Um­stands­wort „kora­nisch“? oder anders gesagt: Was bedeutet „kora­nisch aus­sehen“? – Ich denke: Nach den Regeln der deutschen Sprache bedeutet es gar nichts.
Was meint Neuwirth mit „Loka­lisie­rung“? Ver­ortung? Der Duden sagt: „ört­liche Ein­gren­zung; ört­liche Fest­legung“. Warum schreibt sie nicht „Was wie eine belie­bige Orts­angabe aus­sieht“? – Weil es zu klar, zu deutsch und zu ver­ständ­lich ist, alles Eigen­schaf­ten, die sie ver­abscheut. Und was meint sie mit „beliebig“? – Sie meint wohl „bedeu­tungs­los, ohne Sinn, ohne Kon­sequenz“. Sie will aber nicht ver­ständ­lich schrei­ben, sondern hoch­trabend. Es muss bei ihr nach MEHR klingen. Genauig­keit ist ihr ein Gräuel; lieber sind ihr Geraune und Geschwafel.






L e i t s e i t e




























L e i t s e i t e


Sie meint gar nicht „Polarität", denn das heißt ja Aufeinander­bezogensein; sie meint Unvereinbarkeit, Nicht-Wahrnehmung, Aneinandervorbeireden..


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L e i t s e i t e












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Ich habe den Eindruck als benutze die Autorin hier mündlich vorkanonisch und mündlich vorkodifiziert gleichbedeutend.
























L e i t s e i t e










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