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Ein Geschenkbuch für Studienräte, die vom Islam keine Ahnung haben. Der Verlag spricht von „einer meisterhaften Darstellung durch eine der international renommiertesten Islamwissenschaftlerinnen“. Doch lernt
nur der etwas daraus, der den Islam für eine Religion hält, die isoliert lebende Wüstenaraber allein geschaffen hätten, die sich seit 1400 Jahren nicht gewandelt habe und überall gleich sei. Wer schon weiß, dass Muslime Einflüssen ausgesetzt sind, dem ist von der Lektüre abzuraten.
Obwohl ordentliche Professorin macht sich Gudrun Krämer weder bedeutungswabernden Jargons, noch gespreizter Fremdwortis schuldig. Während DDR-Diplomat Eberhard Serauky in seiner Geschichte des Islam mehr Fakten und Hintergrund bringt und auch materialistische Analyse, dies aber in einem Beamten-Nominalstil begräbt, bemüht sich die flotte Westlerin um eine süffige Darstellung, die ungeklärte Fragen überspielt. Sie räumt zwar ein, dass die muslimischen Quellen „einige Generationen nach dem eigentlichen Geschehen“ aufgezeichnet wurden, nimmt dann aber alles für bare Münze. Gerade dadurch, dass punktuell Nichtwissen eingeräumt wird, erscheint der Rest als gesichert: So lässt sich „nicht mehr klären“, warum Muhammad die Juden vertrieben, enteignet, versklavt oder ermordet hat, „es lässt sich im einzelnen kaum mehr klären“, wie die Christen unter den frühen Kalifen behandelt wurden“ – alles andere weiß sie genau.
Den Koran benutzt sie wie die Fundamentalisten, ohne zwischen der (wissenschaftlich rekonstruierten) ursprünglichen Bedeutung von Koranversen und der heute geglaubten zu unterscheiden, und sie wendet diese Bedeutung direkt auf das Handeln der Muslime an. „In Sure 2,211 heißt es klar und unmissverständlich: kein Zwang in der Religion.“ Dabei herrscht innerislamisch Konsens, dass der Schwertvers (Tötet die Polytheisten, wo ihr sie findet, greifet sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf.) über 120 „friedlichere“ Verse aufgehoben hat; 2, 211 gehört nur deshalb nicht bei allen Gelehrten dazu, weil es bei ihm um innere Einsicht gehe, er bedeute soviel wie: „Glauben kann nicht erzwungen werden, Gott öffnet die Herzen wem er will.“ Im Koran ist das wenigste „klar und unmissverständlich“. „Siegel des Propheten“ ist ihr völlig unkritisch „der letzte Prophet“; dabei war anfangs „Beglaubiger der vorhergegangen Propheten“ gemeint. Krämer schreibt: „laut Koran 8,41 steht dem Kalifen ein Fünftel der Einnahmen zu“ dort stehet „dem Gesandten“ und der war vor dem ersten Kalifen tot. Der flachen Popularisierung durch Anekdötchen macht sich Krämer nicht schuldig, aber sie erwirbt sich auch nicht das Verdienst der Problematisierung offener Fragen. Man merkt auch, dass sie sich außerhalb des Vorderen Orient nicht auskennt: Sinkiang, Malaysia, die Kapprovinz und die USA kommen überhaupt nicht vor, anderes nur am Rande (Für Afrika paraphrasiert sie nur eines der drei Afrika-Kapitel aus Francis Robinsons
Der Islam. Geschichte Kunst Lebensformen, hier kondensiert sie nicht Wissen, sondern sie weiß noch weniger, als sie schreibt.)
Der Grundton ist schönfärberisch: Eroberungen heißen bei Gudrun Krämer „Horizonterweiterung“. Die Ermordung dreier Dichter rechtfertigt sie: „Dichter waren Konkurrenten, sie konnten Muhammad ebenso gefährlich werden wie bewaffnete Widersacher. Gegen sie ging er auch gewaltsam vor.“ und entschuldigt so den Mordaufruf gegen Salman Rushdi. Ihre Ausführungen zur Ehre sind verworren und lückenhaft. Sharaf (Ehre, Adel) setzt sie mit „vornehme Abkunft (nasab)“ gleich, grenzt ihn von „Verdienst (hasab)“ ab, schreibt dann aber „Verdienst konnte in einer Abstammungslinie gewissermaßen angesammelt und vererbt, aber auch unabhängig von der Abstammung individuell erworben werden.“ hat sie sich hier verschriebenö wollte sie statt „Verdient“ „Ehre“ schreiben: „Ehre konnte von den Ahnen geerbt oder durch Verdienst selbst erworben werden“ö Wie dem auch sei, eine Darstellung des „vielschichtigen Begriffs“ darf sich nicht auf vornehme Abkunft und guten Ruf beschränken. Ohne Erwähnung der „verletzlichen Ehre“ (ʿirḍ) und der Schande (ʿaib) geht es nicht: Die Ehre eines Mannes hängt an Tapferkeit und Großzügigkeit, aber vor allem daran, dass sein Haus, seine Frauen und Kinder unverletzt bleiben. Wer sein Haus unerlaubt betrittt, seiner Tochter zu nahe tritt oder seine Ehre in Frage stellt, muss von ihm bestraft werden. Ehre kann angesammelt werden, aber sie kann auch auf einen Schlag vernichtet werden: durch Beschlafen von Frau oder Tochter wobei zu bedenken ist, dass Schande nicht durch Tun oder Unterlassen entsteht, sondern dadurch, dass Dritte die Tat zur Sprache bringen: Wer mächtig genug, ist, dass niemand es wagt, von der Untat zu sprechen, ist über jeden Verdacht erhaben. Wer wie Gudrun Krämer von Ehre schreibt und von Ehrenmorden schweigt, beschönigt.
Statt richtige Erklärungen zu geben, warnt sie vor falschen: „häufig nicht sehr korrekt übersetzt“, „im Deutschen häufig ungenau wiedergegeben“, „die etwas unglückliche Übersetzung“. Gern tut sie, als wisse der Leser schon alles: „Man denke an Majapahit, man denke an die Köprülü, man denke an das habsburgische Motto «Bella gerant alii, tu felix Austria nube!»“ Unüberlegt benutzt sie Syrien für das heutige Staatsgebiet und für Scham (Palästina, Jordanien, Libanon und Westsyrien), Irak für das heutige Staatsgebiet und für ʿIraq (nur der Süden des Iraks); Urdunn übersetzt sie mit Jordanien, obwohl es Jordan heißt und auch dessen erweitertes Quellgebiet (Galiläa und den Golan) meint.
Ständig erzählt Krämer von christlichen Müttern und Ehefrauen der Herrscher. Dem Blute nach gar keine Araber oder Türken, da ihre Mütter, Großmütter und Urgroßmütter christlich waren. Die schwarzen Mütter arabischer Herrscher übergeht sie. Sklavenhandel kommt zwar vor, aber weder wird erwähnt, dass der begüterte Mann sich Konkubinen halten konnte, noch dass junge Schwarze zu Eunuchen gemacht wurden, um an der Kaaba Männer und Frauen auseinander zu halten. Vielehe, Knabenbordell, Kaffee, Tabak, Hasch, aber auch Musik und Dichtung sind für Krämer nicht der Rede wert. Den Singular ghulâm, Jüngling, Sklave, Lustknabe, übersetzt sie zig Mal mit Militärslaven, obwohl dafür doch Mameluken üblich ist. Weil „mohammedanisch“ parallel zu „christlich“ sein soll und somit aus Muḥammad Gottes Sohn mache, übersetzt sie muḥammadi mit „prophetisch“ – mehr wäre gewonnen, wenn man die Stellung Muhammads in der Volksfrömmigkeit und im puritanischen Islam erklärte: als innig geliebten Fürsprecher bei Gott, als wundersam Eingreifenden, als Vorbild in Fragen des alltäglichen Tuns.
Das Buch ist charakterisiert durch Fehler, Wiederholungen und Stilblüten: „der Sitz der sassanidischen Zentralverwaltung war die sassanidische Hauptstadt“, „ägyptische Kopten“, „europäische Kreuzfahrer auf dem Kreuzzug“, „polytheistische Heiden“, „konservativer Traditionalismus“, „ein Jude aus Bagdad, seines Zeichens ehemaliger Kaufmann, also kein Kopte“, „Er verbrachte rund ein Jahrzehnt im Osten, hatte daher mehr als den Westen gesehen“, Vasco da Gama hat den Seeweg nach Indien nicht entdeckt, da „chinesische, malaiische, indische, persischer und arabische Seeleute ihn zumindest abschnittsweise längst kannten.“ Herrlich die Behauptung, Mehmed habe „Phanarioten nach Istanbul umgesiedelt“ – die Bewohner des Stadtteils Phanar wurden Phanarioten genannt ein paar Generationen nach der Umsiedlung. Lächerlich die Belehrung: „die Chishtiyya ist nach dem Ort Chisht benannt nicht nach ihrem Gründer Hasan Chishti“. Falsch: „Rußland schied nach der Februarrevolution aus dem Krieg aus“ – erst nach der Oktoberrevolution, genau am 3.3.18 (Frieden von Brest-Litowsk), „1908/09 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina“ das dauerte nicht zwei Jahren, sondern war in einem Tag, den 5.10.1908 erledigt de facto war es schon seit 1878 k.-k.
Von der Religion liefert sie nicht einmal die Glaubensgrundsätze: der eine Gott, die Engel, die Propheten, das Jüngste Gericht und bei den Sunniten Gottes Allmacht, bei den Schiʿiten Gottes Gerechtigkeit. Wir erfahren nichts von den frühen Auseinandersetzungen über Willensfreiheit und Vorherbestimmung, nichts vom Streit darüber, ob der Koran vor aller Zeit existiert oder in der Geschichte geschaffen wurde. Von den Disputationen mit Vertretern anderer Religionen lesen wir, dass sie stattgefunden haben, aber nichts über den Inhalt. Von der Muʿtazila erfahren wir, dass drei Kalifen sie unterstützten, aber worin sich ihre Doktrin von der Doktrin der schließlich siegreichen Mâturîdîya unterscheidet, erfahren wie nicht.
Eine knappe Geschichte des Islam kann nur ein Laie oder weiser Gelehrter schreiben; die Experten dazwischen wissen zu viel und wollen es zeigen. Krämer verbindet den allwissende Ton des Sachbuchs mit dem Arabisch-Geklapper eines Buchs für Studenten. Orientklischees bedient sie nicht, aber sie setzt sich mit ihnen auch nicht auseinander dafür war einfach kein Platz.
Gudrun Krämer: Geschichte des Islam, München: Verlag C.H. Beck 2005, 334 Seiten mit 87 Abbildungen und 5 Karten, 24,90 Euro
Francis Robinson: Der Islam. Geschichte Kunst Lebensformen, München: Christian 2002, 240 Seiten mit über 300 meist farbigen Abbildungen und mehr als 60 Karten und Stadtplänen. Format: 23,5 x 30 cm, 7,95 Euro
Eberhard Serauky: Geschichte des Islam, Berlin: Edition q 2003, 488 Seiten, 29,90 Euro
Das schönste an diesem Buch sind die 87 meist farbige Abbildungen, leider teils ärgerliche Bildunterschriften.

zu obigerer Miniatur schreibt Krämer: „einer verbreiteten Deutung zufolge angeführt vom Heiligen Georg“. Über dem Kopf des Ritters steht in lateinischer Schrift: „S(an)c(tu)s Georgus“ und über dem nächsten Ritter „Demetrius“ – beides Schutzheilige der Kreuzfahrer. Statt sich mit „Deutungen“ zubegnügen, sollte man hinschauen! (Bild: Koninklijke Bibliotheek im Haag)
zu der Seite aus einer alten Koranhandschrift schreibt Krämer: „Vers 20 der Sure 48. Die Wörter sind nicht zusammenhängend geschrieben.“ Erstens handelt es sich um nur ein Drittel des Verses 20 und die Wörter sind so zusammenhängend geschrieben, wie es im Arabischen üblich ist: bei sechs von 28 Buchstaben wird neu angesetzt. Sollte sie meinen, dass heute Worttrennungen am Zeilenende unüblich sind, dann sollte sie das sagen und den Grund dafür benennen: Wenn mehr Buchstaben in eine Zeile passen und der Kalligraph bei den meisten Buchstaben zwischen enge und weite Formen wählen kann, klappt der Randausgleich auch ohne Trennungen. (Bild: BN http://gallica.bnf.fr/anthologie/D5/Fr5-1.htm)
Neben jede Zeile (und noch einmal zusammenhängend) habe ich den Text in heute üblichen Naskhi-Duktus (wie in der Handschrift mit Vokalzeichen, aber ohne Diakritika gesetzt).
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L e i t s e i t e
Brief an den Beck-Verlag zu den schlamperten Büchern
S. Schmidtkes unsäglicher Aufsatz in der
WdI
Kritik an Schmidtkes Herausgabe eines unsäglichen
Buchs
Kritik an Krämers Geschichte Palästinas
Lob des Buches von el-Rouayheb
Kritik eines Artikels von el-Rouayheb
liwāṭ im fiqh (html)
L e i t s e i t e
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